Buchtipp: Alois Nebel von Jarolav Rudis und Jaromir 99
Wenn der Nebel sich lichtet
(Sigrid Grün)
Eine abgelegene Eisenbahnstation im tschechoslowakisch-polnischen Grenzgebiet, Ende der achtziger Jahre: Alois Nebel, ein begeisterter Eisenbahner, ist hier Fahrdienstleiter. Eigentlich legt er seine Uniform nie ab und zwischen seinen Schichten liest er auf der Diensttoilette alte Fahrpläne und Kursbücher. Die Eisenbahn mit ihren klaren Regeln und Zeiten gibt ihm Sicherheit. Diese Sicherheit braucht er auch. Denn, immer wenn sich der Nebel um das alte Bahnhofsgebäude lichtet, tauchen die Geister der Vergangenheit hier auf. Dämonen des 20. Jahrhunderts, die per Bahn in den kleinen Ort einreisen. Einmal erscheint z.B. eine ganze Horde SS-Leute, die um Wasser bittet (allerdings in denkbar rüdem Ton), dann auch russische Soldaten auf der Jagd nach Deserteuren und schließlich Deutsche, die aus dem Land vertrieben wurden. Der Weg von Alois Nebel führt ihn jedenfalls in die Nervenheilanstalt, hier lernt er „den Stummen“ kennen, der es ihm schließlich möglich macht, auch zu seiner Vergangenheit Zugang zu finden und die Geister, die ihn heimsuchen zu bekämpfen. Die tschechische Graphic Novel kam ursprünglich in drei Teilen heraus – auf Deutsch ist sie jetzt in einem Band erhältlich.
„Alois Nebel“ schafft eine düstere, gleichzeitig aber auch lebendige, liebenswürdige Atmosphäre, die man einem solchen Genre, das vielleicht ein bisschen an den amerikanischen Film noir der 40er Jahre angelehnt ist, sonst eigentlich nicht zutraut. Das Buch verströmt einiges dieser ganz eigentümlichen Atmosphäre, die sich in Grenzregionen oft findet, man sieht sich ans Ende der Welt versetzt, gleichzeitig aber auch an einen Ort, an dem viele Menschen vorbeikommen und der für Geschichten gut ist. Von solchen Geschichten finden sich viele, die Zeit und Grenzen überschreiten in dieser Graphic Novel, die auch von den Bildern her einen besonderen Augenschmaus bietet. Die Scherenschnitte wirken sehr lebendig und stecken voller Andeutungen und Zeichen, auch sprachlich ist der Comic sehr gut gelungen, wobei man natürlich, wenn man tschechische Literatur ein bisschen kennt, vermuten kann, dass eine Übersetzung immer auch einiges an Sprachwitz einbüßen lässt. Mir hat die Lektüre der drei Teile von Alois Nebel (Weißbach / Hauptbahnhof / Das goldene Gebirge) sehr viel Spaß gemacht und ich freue mich schon auf die Verfilmung, die in Tschechien bereits viele Zuschauer in die Kinos gelockt hat.
Jaroslav Rudiš (Text); Jaromír »Jaromir 99« Švejdík (Illustrationen)
Alois Nebel
www.voland-quist.de
360 Seiten
