Rezension: „Eternauta“ von Héctor Germán Oesterheld und Francisco Solano López

Eternauta – der ewig Reisende auf der Suche

Héctor Germán Oesterheld ist ein Desaparecido, ein „Verschwundener“. Er und seine vier Töchter Estela, Diana, Beatriz und Marina wurden Opfer der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983). Seine Witwe Elsa Sánchez hat nie damit aufgehört, ihren Mann und drei der verschwundenen Töchter zu suchen. Nur ihre jüngste Tochter konnte sie beerdigen. Vom Rest ihrer Familie weiß sie nichts. Zwei Enkel sind ihr geblieben. Sie waren noch Kleinkinder, als ihre Mütter dem Regime zum Opfer fielen. Die mittel- und südamerikanischen Militärdiktaturen entführten und verhafteten zahlreiche Menschen, die anschließend an geheim gehaltenen Orten gefoltert und getötet wurden. Heute geht man davon aus, dass über 35.000 Menschen dauerhaft verschwunden sind. Der 1919 in Buenos Aires geborene Oesterheld hatte einen deutschen Vater und ist vermutlich 1978 umgebracht worden. Die Lebensgeschichte des Mannes, der in den 70er Jahren verschwand, wirkt besonders verstörend, weil Oesterheld von Beruf Comicautor war. Sein bekanntestes Werk ist „Eternauta“, das die Geschichte eines ewig Reisenden und Suchenden erzählt und der bekannteste Comic Argentiniens ist. Darin, so scheint es, wurde das Schicksal der Desaparecidos vorweggenommen… Genau wie sein Protagonist Juan Salvo, verschwand auch Oesterheld.
„El Eternauta“ wurde erstmals zwischen 1957 und 1959 in einem wöchentlich erscheinenden Comicmagazin veröffentlicht. Illustriert wurde Oesterhelds Geschichte von dem Zeichner  Francisco Solano López. Seit 2016 liegt eine Übersetzung der Graphic Novel ins Deutsche vor.
Worum geht es? In der Rahmenhandlung sitzt ein Comicautor nachts an seinem Arbeitstisch, als sich ein Fremder im Zimmer materialisiert. Es ist der „Eternauta“ Juan Salvo, der dem Comicautor Oesterheld seine Geschichte erzählt. Eines Abends saß Salvo gemeinsam mit drei Freunden beim Kartenspiel Truco beisammen, als es plötzlich zu schneien anfing. Es war kein normaler, sondern phosphoreszierender Schnee, der tödlich wirkte. Das merken die Männer, als sie einen Zusammenstoß vor dem Haus hören und durchs Fenster feststellen, dass Tote auf der Straße liegen. Salvos Freund Favalli (Fava) ist Wissenschaftler und geht zunächst davon aus, dass es sich um radioaktiven Fallout handeln könnte, da in den Radionachrichten etwas über Atomtests kam. Doch bald stellt sich heraus, dass der Schnee zwar tödlich, aber nicht radioaktiv ist. Die Männer bauen mit Hilfe von Salvos Frau Elena und der Tochter Martita Schutzanzüge, die den Hautkontakt verhindern sollen. Juan verlässt als Erster das Haus, um das Ausmaß der Katastrophe zu erkunden  – und was er sieht und erlebt, ist noch grausamer, als alles, was man befürchtet hat… Schnell wird klar, dass eine außerirdische Invasion stattgefunden hat und nur noch wenige Menschen überlebt haben. Die Männer um Juan schließen sich einer Gruppe von Soldaten an, die die Katastrophe zufälligerweise auch überlebt haben. Doch der Kampf gegen den übermächtigen Gegner wirkt aussichtslos. Immer wieder warten SIE mit neuen Kreaturen auf. Zum Schluss bleibt nur noch Juan Salvo übrig, der durch ein Versehen zum Zeitreisenden wird und auf der Suche nach seiner Frau und seiner Tochter verzweifelt. Wie durch ein Wunder landet er bei einem Comicautor in Buenos Aires – in den späten 50er Jahren. Die Katastrophe hat sich 1963 zugetragen und wird somit erst in der Zukunft stattfinden…
Was für ein spannender Science-Fiction-Comic! Als Leser kann man das Buch kaum zur Seite legen und man wird sich immer wieder dessen bewusst, wie verletzlich unsere Spezies ist. Allein die Tatsache, dass die Menschen sich bereits unmittelbar nach der Katastrophe zunächst gegenseitig umbringen, weil sofort das Gesetz des Dschungels in kraft tritt, stimmt nachdenklich. Vor dem Hintergrund der argentinischen Militärdiktatur wirkt die Geschichte noch beklemmender und wahrhaft prophetisch.
„Eternauta“ zählt zu den Klassikern unter den Graphic Novels. Ich kann das Buch, das neben dem Comic in Schwarz-weiß auch noch mehrere Texte über Oesterhelds persönliches Schicksal und die Rezeption seines Hauptwerkes enthält, nur empfehlen!

Héctor Germán Oesterheld (Text); Francisco Solano López (Illustrationen): Eternauta
erschienen am 11. Januar 2016
www.avant-verlag.de

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