Rezension: „Ich habe Wale gesehen. Eine Freundschaft im Baskenland“ von Javier de Isusi

„Wenn man anfängt zu sehen, kann man nicht einfach wieder nicht sehen.“ – Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der baskischen Zeitgeschichte

Javier de Isusi, 1972 in Bilbao geboren, ist Baske. Nach dem Studium der Architektur erkannte er, dass er statt Bauplänen viel lieber Comics zeichnet. In Spanien sind bereits acht Graphic Novels von ihm erschienen, in Deutschland erst einer: „Ich habe Wale gesehen. Eine Freundschaft im Baskenland.“
1998 nahm ich an einem Schüleraustausch mit Frankreich teil. Die meiste Zeit verbrachte ich im Baskenland, wo ich mich auch mit einem Basken anfreundete. Als Jugendliche wusste ich noch nicht sehr viel über den politischen Konflikt, der Ende der 90er Jahre relativ präsent war. Die ETA verkündete im September 1998 einen unbegrenzten und bedingungslosen Waffenstillstand, verkündete allerdings ein halbes Jahr später die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes. Der „schmutzige Krieg“ ging weiter. Abgesehen von den Unabhängigkeitsbestrebungen der ETA und ihren terroristischen Aktivitäten wusste ich wenig. Mein baskischer Freund und mein französischer Gastvater versuchten mir zwar zu vermitteln, was alles vorgefallen war – aber ich konnte mich nicht dazu entschließen, für eine Seite Partei zu ergreifen. Die Fronten schienen verhärtet.
Genau 20 Jahre später fiel mir in der Bücherei der Comic von Javier de Isusi in die Hände. Mein Interesse war sofort geweckt. Der Untertitel, „Eine Freundschaft im Baskenland“, deutete bereits darauf hin, dass es hier um mindestens zwei Menschen ging, deren Beziehung vom politischen Konflikt überschattet war. Tatsächlich sind es sogar zwei Freundschaften, von denen erzählt wird.
Es geht zunächst um Anton und Josu, die als Jugendliche beste Freunde waren und sich zusehends entfremden. Und um Josu und Emmanuel, die eigentlich Feinde sein müssten, sich aber in der Haft einander annähern. Was steckt dahinter?
25 Jahre nachdem Anton und Josu sich als junge Erwachsene zuletzt gesehen haben, erwacht Anton, der Priester geworden ist, aus einem seiner wiederkehrenden Alpträume, in denen es immer um Gewalt geht. Er erinnert sich an das traumatische Erlebnis, das seine Jugend überschattet hat: Die Ermordung seines Vaters durch die ETA. Damals, als junger Student am Priesterseminar, hat er den Tätern verziehen. Auf der Beerdigung seines Vaters sieht er seinen besten Freund Josu zum letzten Mal. Während Anton sich nämlich dem Glauben zugewandt hat, identifiziert sich Josu mit den Freiheitsbestrebungen der ETA. Er zieht in den bewaffneten Kampf und wird schließlich inhaftiert. 25 Jahre nach seinem letzten Zusammentreffen mit Anton hat er bereits sieben einhalb Jahre im Gefängnis verbracht. Er sieht den Flugzeugen hinterher, die auf dem Ausschnitt Himmel über dem Gefängnishof ihre Kondensstreifen hinterlassen und freut sich über jeden Regen, der ihm eine willkommene Abwechslung zum überwiegend blauen Himmel ist. Und während Anton sich mit dem eigenen Gehorsam gegenüber Gott und der Kirche auseinandersetzen muss – seine Schwester braucht seine Hilfe, weil sie als unverheiratete Religionslehrerin schwanger von einem verheirateten Mann geworden ist – versucht Anton zu begreifen, für welche Ideale er auf welche Weise eingetreten ist. Als ein neuer Häftling auftaucht, nimmt er Kontakt zu ihm auf, denn Emmanuel scheint viel mit ihm gemeinsam zu haben. Nach dem Vortrag eines einst blinden Schriftstellers, Sängers und Radiosprechers, der von seiner traumatischen Erfahrung – nach einem medizinischen Eingriff konnte er wieder ein bisschen sehen – spricht, öffnet sich auch Emmanuel. Aufgewachsen in einer Welt, die von Gewalterfahrungen geprägt war, betrachtete er Gewalt als einzige Lösung und landete schließlich bei der GAL (Grupos Antiterroristas de Liberación), einer paramilitärischen Gruppe, die zwischen 1983 und 1987 vom Staat finanziert wurde, um tatsächliche und mutmaßliche Mitglieder der ETA zu töten. Ein Drittel der Menschen, die die GAL getötet hatte, hatte nachweislich keinerlei Bezug zur ETA. Emmanuel und Josu begegnen sich also eigentlich als Feinde, bauen aber trotzdem eine Beziehung zueinander auf. Obwohl Josu sich klar abgrenzen möchte – „Du hast es für Geld getan, ich für ein Ideal. Das ist nicht dasselbe.“ (42) – wird doch klar, dass das Ergebnis eben doch dasselbe war: Tote.
Fünf Jahre später hat Antons Schwester einen fast fünfjährigen Sohn und kann dank der Hilfe ihres Bruders in ihren Beruf zurückkehren. Und Anton beschließt, seinen alten Jugendfreund, zu dem er Briefkontakt hat, persönlich zu besuchen. Gemeinsam mit Josus neunzehnjährigem Sohn Aritz, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, fährt er zur Haftanstalt. Auf dem Weg erzählt er Josus Sohn, der Anton eher ablehnend begegnet, die Geschichte, die dem Comic den Namen gegeben hat. Bei einem Ruderausflug aufs Meer sieht Anton Wale – kein anderer kann die Tiere sehen, aber für den Oberstufenschüler ist dieses Ereignis eine Art Erweckungserlebnis. Er beschließt, Priester zu werden und die beiden Freunde fangen an, sich zusehends zu entfremden. Im Gefängnis angekommen, treffen Anton und Aritz Maialen, eine junge Frau, die ihre inhaftierte Mutter besucht und eine Geschichte für sie geschrieben hat. Eine Kopie der Geschichte überreicht sie auch Aritz. Und diese Geschichte, die „Der Krieg der Statuen“ heißt und von der Künstlerin Leticia Ruifernàndez stammt, bildet als Geschichte in der Geschichte auch den Abschluss von Javier de Isusis Graphic Novel. Darin geht es um Statuen, die für ihre Menschen so lange kämpfen, bis ein Mensch wissen möchte, was die Statue überhaupt sieht. Er klettert an ihr hoch und schlüpft in ihren Mund, von dem aus er in die Tiefe stürzt. Dort trifft er andere Menschen, die diesen Weg auch schon genommen haben. Sie sehen und erkennen sich und fortan ist nichts mehr, wie es war. Die hohlen Statuen brechen in Stücke. Der Krieg ist vorbei.
Javier de Isusi ist mit „Ich habe Wale gesehen“ eine sehr berührende Geschichte über den baskischen Konflikt und seine Aufarbeitung gelungen. Es geht um Schuld und Vergebung, Freundschaft und Feindschaft, Gehorsam und Widerstand und um das Sehen. Auch wenn man in Deutschland nur relativ wenig über den politischen Konflikt im Baskenland weiß, lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall. Im Anhang befindet sich eine Chronologie, die den Konflikt anhand wichtiger Eckdaten erläutert. Die Aquarelle in Gelb- und Grautönen, bzw. in Blau- und Grautönen, passen hervorragend zur eher zurückhaltend erzählten Geschichte um Freundschaft in schwierigen Zeiten.

Javier de Isusi: Ich habe Wale gesehen. Eine Freundschaft im Baskenland.
erschienen am 23. Februar 2017
www.editionmoderne.ch

 

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