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Artikel Tagged ‘Tanz’

Inklusives Tanzprojekt in Regensburg

22. September 2016 sgruen Keine Kommentare
Farben tanzen, Lebensfreude zeigt sich pur
(Christine Allgeyer)
Wenn Begeisterung körperlich wird, bitzelt es bisweilen auf der Haut. Das tut es, wenn man den Tänzerinnen und Tänzern aus der Bischof-Wittmann-Schule begegnet, ihnen beim Tanzen zusieht. Am 9. und 10. Oktober 2016 haben sie ihren Auftritt „Live und in Farbe” im Unitheater Regensburg. Der Choreograf und Tanzpädagoge Wolfgang Maas bringt ein inklusives Tanzprojekt auf die Bühne, das mitreißt und begeistert. Seit der Engel-Gala 2011 arbeitet Maas einfühlsam und auf künstlerisch hohem Niveau mit den jungen Tänzerinnen und Tänzern.
Nach ihrem letzten großen Erfolg in 2015 sind Wolfgang Maas und das Therapeutinnen-Team aus der Bischof-Wittmann-Schule, ein Förderzentrum der Katholischen Jugendfürsorge mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, auch in diesem Jahr ihrem Vorhaben treu geblieben und bringen Tänzerinnen und Tänzer mit und ohne Behinderung gemeinsam auf die Bühne. Warum das Tanzprojekt für die therapeutische Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen so wertvoll ist, schildert die Physiotherapeutin Evi Federl: „Im Tanz können wir unsere therapeutischen Ziele viel verständlich machen. Verbal geht das ja oft nicht. Und der Tanz ist ein Weg mit einem Ziel, den die Kinder und Jugendlichen motiviert mitgehen können.”
„Ich bin ein Stern und ich schwebe.”
Florian (16 Jahre) muss regelmäßig trainieren und am Ball bleiben, damit seine Hüfte beweglich bleibt. Als Stern und beim Tanzen fällt ihm das leicht – immer und immer wieder dreht und windet er sich. Die Bewegungswechsel trainieren seine Hüfte. Evi Federl kann ihm in der Einzeltherapie klar machen, dass er durch die Übungen seinen tänzerischen Beitrag verbessert. „Ich bin der Florian. Ich bin ein Stern und ich schwebe”, erzählt Florian, „mein Solo mache ich mit einem Erdball. Das wird sehr schön sein.” Sophie (11 Jahre), Alys (15 Jahre) und Sarah (16 Jahre) tanzen mit Florian in „Farbenlos”. „Ich bin eine Prinzessin und habe eine goldene Krone”, sagt Alys und sie ist so stolz auf ihre Rolle. Wenn sie tanzt, dann ist es Lebensfreude pur für Alys.
„Sie lassen einfach los und tanzen.”
Damit die Kinder und Jugendlichen eine bessere Vorstellung von ihren Rollen bekommen, suchen die Therapeutinnen nach guten Vergleichen: „Beweg dich wie ein Wurm, du fliegst wie ein Turmfalke …” Die Physiotherapeutin Sabrina Schmidmeister arbeitet ebenfalls seit 2011 im Tanzprojekt. „Über die Jahre sehen wir, wie sich die älteren Schülerinnen und Schüler motorisch und kognitiv weiterentwickeln”, so Schmidmeister, „sie können sich ihre Schritte besser merken, sind viel selbstständiger und brauchen bei weitem nicht mehr so viel Führung und Anleitung. Auch Amelie Stoll, die Ergotherapeutin im Team,  ist begeistert von den Kindern. „Sie lassen einfach los und tanzen. Das finde ich toll.” Die Logopädin Kathrin Straubinger komplettiert das Team – professionelle Rahmenbedingungen für gute Arbeit, findet Evi Federl. „Der therapeutische Ansatz geht Hand in Hand mit Wolfgangs künstlerischer Arbeit. Dadurch wird es ein Gesamtkunstwerk” lacht Evi Federl.
Aufführungen im Theater der Universität Regensburg:
• Sonntag, 9. Oktober 2016, 16.00 Uhr: „Farbenlos!”, inklusives Tanztheater der Bischof-Wittmann-Schule und der OTH Regensburg, künstlerische Leitung und Choreografie: Wolfgang Maas. „Rosa sieht Rot”, Gastspiel: inklusives Tanztheater aus Bremen, Tanz und Choreografie: Neele Buchholz, Corinna Mindt, Szenische Überarbeitung und Unterstützung: Lars Mindt. „Ich & Du”, inklusive Dance-company „Upside Down”, Künstlerische Leitung und Choreografie: Wolfgang Maas
• Montag, 10. Oktober 2016, 19.00 Uhr: „Farbenlos!”, inklusives Tanztheater der Bischof-Wittmann-Schule und der OTH Regensburg, künstlerische Leitung und Choreografie: Wolfgang Maas.  „Bla, Bla, Bla!”, exklusives Tanztheater der Partnerklassen der Bischof-Wittmann-Schule an der Mittelschule Lappersdorf, Künstlerische Leitung und Choreografie: Wolfgang Maas. „Ich & Du”, inklusive Dance-company „Upside Down”, Künstlerische Leitung und Choreografie: Wolfgang Maas.
• Rahmenprogramm:  „Miniaturen”, „Die Herbstzeitlosen” – Tanztheater Ü50. Kleine Soli und Gruppenszenen als Appetizer vor der Vorstellung zeigen, Tanz ist für Jedermann und jede Frau! Im Foyer ca. 30 Minuten vor (!) jeder Vorstellung
• Kartenvorverkauf bei der TOURIST INFORMATION im Alten Rathaus: 10 Euro und an der Abendkasse 12 Euro

Solotanznacht im Theater an der Univerisität

25. November 2013 sgruen Keine Kommentare

Einer der Höhepunkte der Regensburger Tanztage

(Sigrid Grün)

Eine Hommage an die 2007 verunglückte Tänzerin Tanja Liedtke tanzten fünf junge PreisträgerInnen des “Internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals Stuttgart” dieses Jahr im Universitätstheater.
Gilles Noel aus Belgien zeigte zunächst nach einer Choreographie von Min Hee Bervoets das Stück “Apples, apples, apples”, in dem eine Obsession zum Ausdruck gebracht wird. Selbst eine vermeintlich einfache Frucht wie der Apfel kann ein Objekt der Begierde sein, das für einen Menschen im Zentrum steht. Der Tänzer variierte das Thema derart abwechslungsreich, dass die Spannung die ganze Szene über erhalten blieb. Sein Tanz oszillierte zwischen Hingabe und Begierde, versuchter Distanz und Überwältigung. In Stuttgart hatte die Jury Choreographie und Tanz mit dem 2. Preis in der Kategorie “Tanz” belohnt.
Der Ungar Milan Ujvari hatte in Stuttgart den Publikumspreis erhalten - und auch in Regensburg begeisterte er die Gäste. “Do you like dancing?” wurde vom Publikum mit einem lauten “Yes!” beantwortet. Schließlich wird das Thema Tanz in pantomimischer, sprachlicher und tänzerischer Form erörtert. Ujvari spielt mit verschiedenen Tanzstilen und popkulturellen Zitaten und kreiiert mit der kunstvollen Verflechtung von Text, Tanz und Schauspiel Überraschungseffekte und herrlich komische Momente.
Nach der Pause zeigte die Drittplatzierte in der Kategorie Tanz, Sara Angius aus Italien, die Choreographie “Star-Watchers”. Sie bezieht sich damit auf Menschen, die mit den Füßen voran auf die Welt kamen und damit oft eine andere Sichtweise haben. Der Beginn der Choreographie greift das Geburtserlebnis auf - und im Anschluss muss sich der “Sternen-Gucker” in der Welt zurechtfinden. Oft eckt er an und muss den Versuch unternehmen, sich trotzdem in der Orientierungslosigkeit zurechtzufinden. Manchmal scheint ein Körperteil zu entfliehen und wird dann “eingefangen”. Zum Main theme von “Schindler’s List” tanzt die Italienerin die Gefühlswelt eines Außenseiters und berührt mit ihrer Choreograpie das Publikum.
“What happened in Torino” von Andrea Constanzo Martini erhielt in Stuttgart den 1. Preis in den Kategorien “Tanz” und “Choreographie”. Der Italiener variiert Bewegungen zu einer Klangfläche. Dabei spielt er geschickt mit verschiedenen Rhythmen und zeigt Archetypen auf. Etwa den Siegertypen, der das Rampenlicht sucht, schließlich aber von ihm überfordert ist.

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Zuletzt tanzte Joachim Maudet aus Frankreich die Choreographie “Open mic. Suffocation” von Martin Harriague, die in Stuttgart mit dem 2. Preis ausgezeichnet wurde. Ein Mann in kurzer Hose und Goldgürtel tritt ans Mikrofon, um dem Publikum eine Geschichte zu erzählen. In der linken Hand trägt er einen Plastikbeutel mit dem “tropical fish of my girl friend” - ein Goldfisch zieht im auf dem Boden abgestellten Beutel seine Bahnen. Währenddessen tanzt Maudet die Beziehung zur Freundin, um die es nicht gerade gut bestellt zu sein scheint. Irgendwann nimmt der Tänzer den Fisch im Beutel wieder auf, fragt “Do you like opera?” und beginnt damit, Löcher in den Beutel zu stechen bis das Wasser vollständig auf den Bühnenboden ausgelaufen ist - im Publikum hört man Zuschauer aufstöhnen, ein Jugendlicher flüstert “Er soll aufhören! Ich halt das nicht aus. Da ist doch ein Fisch drin.” Schön war das nicht, aber höchst dramatisch.
Und so wie bei allen “Helden” der diesjährigen “Solotanznacht” zeigt sich auch in dieser letzten Choreographie die Verletzlichkeit des Menschen besonders eindrucksvoll.

www.regensburger-tanztage.de

Einen Auszug aus der Choreographie von Sara Angius gibt es auf youtube zu sehen:
www.youtube.com

Junger Tanz - Publikumslieblinge in der Alten Mälzerei

18. November 2013 sgruen Keine Kommentare

Junge Tänzer aus Salzburg, München und Regensburg begeistern das Publikum

(Sigrid Grün)

14 Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Ausbildungszentren zeigten am Sonntag Abend sechs verschiedene Stücke, die so facettenreich wie anspruchsvoll waren.
Zunächst tanzten zwei Tänzerinnen und vier Tänzer der SEAD (Salzburg Experimental Academy of Dance) einen Ausschnitt aus “sens interdit”. Nach Musik von Verdi, Mozart, Bach u.a. wurden verschiedene Charaktere etabliert - mal rasant, mal besonnen - bis zum furiosen Schluss, der allein schon pantomimisch und schauspielerisch eine Glanzleistung war.

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Im Anschluss zeigten Tanya Rydell Montan und Rikke Holm Christiansen “Together”, ein “Stück über das Erwachsenwerden”. Die beiden Tänzerinnen, die die Choreographie selbst entwickelten erzählen in Wort (in englischer Sprache) und Tanz von der gemeinsamen Kindheit und dem Erwachsensein. Es ist die Auseinandersetzung zweier Freundinnen, die nebeneinander aufgewachsen sind, die gleiche Luft atmeten, alles gemeinsam taten - und dann plötzlich feststellen mussten, dass es auch “Spaces in between” gibt. Komisch und anrührend zeigten die beiden Tänzerinnen, wie sich eine Beziehung immer wieder verändert.

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Nach der Pause tanzten Cheri Isen, Marie Preußler und Micaela Kühn von der Iwanson Schule (München) “Agreement”, das zwischen der Homogenität der Gruppe und dem Ausbrechen des Individuums handelte. Höchst dramatisch setzten die drei Künstlerinnen das Thema in Szene.
Die letzten drei Tänzerinnen kamen alle aus Regensburg. Amalie Darie (tahk tanzakademie helene krippner) zeigte eine beeindruckende, “galaktische” Show unter dem Titel “verBUNDen”. Elisabeth Ramoser (ebenfalls tahk) tanzte eine feinfühlige und aufwühlende Nebel-Performance und Claudia Osthoff (Tanz-Akademie Bonivento-Dazzi) zeigte ausdrucksstark “Sacrificium” (nach der Musik von Georg Friedrich Händel).

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Nach diesem vielseitigen und unterhaltsamen Tanzabend kann man nur zuversichtlich in die Zukunft des zeitgenössischen Tanzes blicken!

REGENSBURGER TANZTAGE 2012 - Solotanznacht

26. November 2012 sgruen Keine Kommentare

Zeitgenössischer Tanz vom Feinsten

(Sigrid Grün)

Am vergangenen Freitag und Samstag gab es im Rahmen der REGENSBURGER TANZTAGE 2012 am Theater der Universität ein ganz besonderes Highlight zu sehen: Die Solotanznacht, die die Preisträger des Internationalen Solo-Tanz-Theater Festivals Stuttgart 2012, präsentierte.

Vier Tänzer und zwei Tänzerinnen begeisterten das Regensburger Publikum zwei Stunden lang mal mit bewegenden, mal mit erheiternden Darbietungen. Zum Schluss gab es noch zwei wunderbare Zugaben zu sehen, in denen die Tänzer zwischen dem Schlussapplaus gemeinsam erarbeitete Einlagen performten.
Zu Beginn tanzte Rodrigue Ousmane, der den ersten Preis in der Kategorie Choreografie erhalten hatte. In “Leda” verarbeitet der Tänzer aus dem Tschad seine Befürchtungen im Zusammenhang mit dem Plastikproblem in seiner afrikanischen Heimat. Das Bühnenbild: ein von der Decke hängendes Seil mit daran befestigten Plastiktütchen, eine “Plastikbehausung”, aus der Ousmane sich zu Beginn schälte und in der er auch immer wieder verschwand und weitere Plastikbeutel und Gegenstände aus Kunststoff, die auf der Bühne verteilt waren. Mittendrin in dieser Plastikwelt ein Mensch, der mal hilflos, mal in wütendem Hiphop-Style zu überleben versucht.
Ganz anders und ebenfalls großartig: Cass Mortimer Eipper, der in Stuttgart den 3. Preis in der Kategorie Tanz erhalten hatte. Zu modernem Jazz zeigte er, was den Menschen antreibt. Er brachte nicht nur das brodelnde der Leidenschaft auf den Punkt, sondern setzte auch witzige Akzente.
Ebenso der in Israel geborene Eran Gisin, der das Glück tanzte. “Happiness is state - of mind…” Gisin zeigte eindrucksvoll, wie man eine Sprachklangfläche mit Leben füllen kann. Er hatte in Stuttgart den 2. Preis Choreografie verliehen bekommen.
Nach der Pause zeigte Hugo Marmelada aus Portugal “Stepping over stones”. Auch hier konnte man Hiphop-Elemente ausmachen - und der Tänzer schaffte es, mit seinem ausdrucksstarken Tanz das Publikum zu verzaubern. In Stuttgart war er deshalb schon mit dem Publikumspreis und dem 2. Preis Tanz ausgezeichnet worden.
Schließlich tanzte die Deutsche Verena Wilhelm “Fire and Forget I”, ein bedrückendes und bewegendes Tanzstück, in dem auf authentisches Tonmaterial eines Luftangriffs auf Bagdad zurückgegriffen wurde. Hier wurde viel mit Licht gearbeitet - und Verena Wilhelms präzise Performance im roten Bühnenoutfit nahm einem teilweise den Atem. In Stuttgart hatte sie dafür den 3. Preis in der Kategorie Choreografie erhalten.
Zuletzt war die zauberhafte Szene “Whiskers” der überaus charismatischen Kanadierin Eleesha Drennan zu sehen. Angelehnt an Clarissa Pinkola Estes’ “Wolfsfrau” zeigt Drennan in einem einfachen weißen Kleid eine Transformation. Kraftvoll, pointiert und einfach zauberhaft war dieser Solotanz, der mit dem 1. Preis Tanz gewürdigt worden war.

Fazit: Die Solotanznacht war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass auch in Regensburg zeitgenössischer Tanz vom Feinsten zu sehen ist. Steht zu hoffen, dass die nächsten Tanztage an diesen Erfolg anknüpfen können!

www.regensburger-tanztage.de

Buchtipp: Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal von Ursula Kaufmann

21. November 2012 sgruen Keine Kommentare

“Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt.” (Pina Bausch)

(Sigrid Grün)

Es gibt keinen, der das Tanztheater in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts derart reformiert hat wie Pina Bausch, das „Wuppertaler Tanztheaterwunder“. 1940 als Tochter eines Gastwirts in Solingen geboren, wurde sie schon früh für den Tanz entdeckt. Mit 14 nahm sie schließlich ein Tanzstudium an der renommierten Essener Folkwang Schule auf. Kein Geringerer als Kurt Jooss, seinerseits ein Schüler von Rudolf von Laban, war ihr Lehrer. Ihre Zeit an der Juilliard School und an der Met in New York prägte ihr ganzes Leben – und doch entschied sich sich dazu, wieder nach Deutschland zurückzukehren, als das Folkwang Ballett rief. Zeit ihres Lebens wollte sie tanzen – und arbeitete dann doch überwiegend als Choreografin. 1973 wurde sie schließlich Leiterin der Ballettsparte am Wuppertaler Tanztheater und ist seitdem untrennbar mit diesem Haus verbunden. Pina Bausch begründete eine neue Form des Tanztheaters. Ihre Inszenierungen waren irritierend – so irritierend, dass viele Zuschauer, die nur das bürgerliche, das klassische Ballett kannten, empört den Saal verließen. Pina Bauschs Tanztheater war ganz anders. Nicht erstarrt in vorgeschriebenen Posen und einer angestaubten Ästhetik, sondern absolut lebendig, das Leben auslotend. Vor allem auch den Alltag und die Tiefpunkte. Bauschs Choreografien brachten Bilder, die so stark waren, wie man es im Bereich des Tanztheaters noch nicht kannte. Alltägliche Bewegungen setzten gänzlich andere Akzente als die Maniriertheit des klassischen Balletts. Pina Bausch entdeckte die Schönheit der Menschen in ihren natürlichen Bewegungen und damit berührte sie ihr Publikum. Sie präsentierte keine schönen Bilderbögen, wie das klassische Tanztheater, sondern die großen menschlichen Themen wie Liebe, Angst und Tod. Bausch ließ ihre Tänzer zwischen Angst und Hoffnung agieren und zwischen Einsamkeit und Ekstase. In über 40 Stücken, die sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2009 weltweit entwickelte, zeigte sie eindrucksvoll auf, wie eindringlich und berührend und wie nah am Alltag Tanztheater sein kann. Auch die Ausstattung ihrer Stücke war immer etwas ganz besonderes. Pina Bausch – das sind wehende bunte Kleider, ungewöhnliche Bühnenräume, Waldboden, Nelken und Gestrüpp etwa. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1980 zeichnete ihr Gefährte Rolf Borzik für die Bühnenräume verantwortlich.
Vieles von dem Großartigen, von dem Neuen und Revolutionären, das Pina Bausch geschaffen hat, konnte die außergewöhnlich begabte Fotografin Ursula Kaufmann im Bild einfangen. Tänzer, die sich hingeben, auseinanderstiebende Wassertropfen, ungewöhnliche Bühnenräume. Man spürt, wie bewegend die ausdrucksstarken Stücke Pina Bauschs sind. Voller Dynamik und voller Wahrheit. Diesen Bildband zu betrachten ist ein Genuss. Ein einführender Text von Pina Bausch – über ihr Leben und ihre persönliche Entwicklung, Essays von der Journalistin Gudrun Norbisrath und einige Reden (u.a. von Jürgen Flimm) sowie ein ausführliches Werkverzeichnis und eine Biografie am Ende des Buches, ergänzen den Band auf perfekte Weise.
Ausstattung (Goldschnitt!) und Druckqualität lassen keine Wünsche offen. Dem Verlag Edition Panorama ist mit diesem beeindruckenden Bildband eine angemessene Würdigung des „Wuppertaler Tanztheaterwunders“ gelungen. Dazu kann man den Machern nur gratulieren!

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Ursula Kaufmann (Fotografin)
Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal
www.editionpanorama.com
320 Seiten mit über 380 Fotografien in Farbe

Die Farbe des Vergessens

11. November 2011 lweser Keine Kommentare

Ballett-Premiere: Der Nussknacker - Erinnerungen an das Vergessen, Velodrom, Regensburg

E.T.A. Hoffmann, der Meister des Phantastischen in der Romantik, inspirierte mit seinem Kunstmärchen Nussknacker und Mausekönig Tschaikowskis zu dem Ballett Der Nussknacker. Nach Dornröschen und Schwanensee beendet Olaf Schmidt mit dieser Ballett-Inszenierung seine Tschaikowski-Triologie am Theater Regensburg.

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Schmidt versucht das Märchenhafte des Stoffes zu verdeutlichen und gleichzeitig aktuelle Bezüge herzustellen. Er öffnete mit seiner Interpretation des Stücks eine neue Ebene: Altern, Demenz und Tod. Ihm gelingt es das schwere Thema mit einem solchen Feingefühl, mit Anmut und Schönheit zu integrieren, dass man zwar gerührt aber nicht niedergeschlagen in die Nacht entlassen wird. Neben dem Ballettensemble hat Schmidt für seinen Nussknacker 17 ältere Laien verpflichtet. Diese sind nicht Staffage, sondern gleichrangig neben den Tänzern, die ihrerseits die Erinnerungen der Alten verkörpern. Die Choreographie wechselt zwischen den Motiven und Zeitebenen, eben so wie zwischen klassischen und modernen Tanzelementen. Tänzer und Alte tragen Weiß, die Farbe des Vergessens, wie Schmidt betont. Anfangs kämpfen sich die Tänzer noch ungelenk in Filzpantoffeln über die Bühne, doch bald werden sie abgestreift. Die Erinnerung ist zwar ebenso gebrechlich, wie der Körper, doch in der Erinnerung ist der Körper ungebrochen.
Das ausdrucksstarke Schlussbild entlehnte Schmidt einer Verfilmung von Shichiro Fukazawas Buch Narayama bushiko. Ein junger Mann trägt eine alte Frau im Schneefall zum Sterben auf einen Berg.

Neben den weihnachtlichen Motiven, auch den musikalischen, passt Olaf Schmidts stimmungsvoll intelligente Inszenierung wunderbar in die Adventszeit und ist eine echte Alternative zum Christlkindlmarkt, nicht nur weil es im Velodrom mollig warm ist, sondern weil dort die Weihnacht garantiert weiß ist.

Der Nussknacker, Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Velodrom, Regensburg
Choreographie und Inszenierung: Olaf Schmidt, Bühne: Manuela Müller, Kostüme: Heide Schiffer-El Fouly;
mit: Mana Miyagawa, Rutsuki Kanazawa, Tu Ngoc Hoang, Fabian Moreira Costa, Brendon Feeney, Jonatan Salgado, Silke Woschnjak, Giselle Poncet, Natalia Palshina, Audrey van Herck, Andrea Bibolotti, Mattia Cambiaghi, Rosalinde Koch, u.a.
Weitere Aufführungen: 12./13./14./22./23./24. Nov., 10./11./12. (11 Uhr)/23./25./26.(15 Uhr)/28./29. Dez. 2011, 27./31. Jan. 2012, jeweils 19.30 Uhr
www.theater-regensburg.de

Kreative Attacke

1. Juni 2010 lweser Keine Kommentare

creative attack - Junge Choreografen VI, Velodrom, Regensburg

Zum sechsten Mal finden sich nun schon die Ensemble-Mitglieder des Balletts zusammen, um jeweils eigene Choreografien vorzustellen. Das Ergebnis ist wie jedes Jahr nicht nur eine Überraschung und bunte Mischung, sondern auch eine “kreative Attacke”.
Acht Choreografien von insgesamt neun Choreografen, getanzt von ca. zwölf TänzerInnen in verschiedenen Konstellationen sind zu sehen. Die große Bandbreite erstreckt sich sowohl über die tänzerische, wie die inhaltliche und musikalische Ebene. Zu sehen sind klassischer Spitzentanz mit Tutu zu Tschaikowski, moderner Tanz zu Eigenkompositionen oder vergnügliche Massenszenen, angesiedelt im Theatermilieu zu bekannten Filmmusiken.

Bobby Briscoe ist gleich mit drei Arbeiten zu sehen. Er huldigt vor allem dem klassischen Balletttanz. Thema, Tanz, Musik und Kostüme zeichnen sich bei ihm durch klassische Schönheit und Romantik aus. Im Eröffnungsstück stellt er Vier Ballerinen (Rutsuki Kanazawa, Sara Leimgruber, Ayumi Noblet und Natalia Palshina) auf die Spitze. Mendelsohn revisted mit Sara Leimgruber und Bobby Briscoe erhielt besonderen Publikumszuspruch. In Ever after kämpfen Julia Leidhold und Brendon Feeney als Prinz und Prinzessin zu Tschaikowski um ihre Beziehung - selbstredend mit Happy End. Überhaupt fand das Thema Beziehung starkes Interesse bei den Arbeiten. Vier der acht Stücke widmen sich den schwierigen Verhältnis zwischen Mann und Frau. Besonders beeindruckend war das Stück Netz von Tu Ngoc Hoang, Natalia Palshina, Bendon Feeney und dem noch immer verletzten Fabian Moreira Costa. Zu einer atmosphärischen, modernen Eigenkomposition von Tu Ngoc Hoang und Sainho Namchelok, entwinden sich Tu Ngoc Hoang und Natalia Palshina einem Netz aus Beziehungen. In perfekter Synchronisation kämpfen sie mit- und gegeneinander, um am Ende festzustellen, dass sie sich dem Netz nicht entziehen können. Ayumi und Alister Noblet versuchen in Moi… moi ausssi ebenfalls die Abgründe der Paarbeziehung auszuloten.

Tu Ngoc Hoang und Natalia Palshina - - - - (c) Theater Regensburg

Tu Ngoc Hoang und Natalia Palshina (c) Theater Regensburg

Sara Leimgruber wird nach Ende der Spielzeit Regensburg verlassen, um an die Züricher Ballettschule zu gehen. Junge Choreografen VI ist ihre letzte Produktion, nicht verwunderlich also, dass ihre Kollegen sie hier noch einmal besonders huldigen. Auch Julia Leidholds Choreografie Einfall ist ihr gewidmet. Allerdings werden darin die interessanten Ansätze durch eine ausgesprochen scheußliche Musikauswahl abgewertet. Am 17. Juli steht Sara Leimgruber in Regensburg das letzte Mal auf der Bühne. Doch nicht nur deshalb erhielt ihre Choreographie mit dem bezeichnenden Namen off stage mit Abstand den größten Applaus. Der ganz normale Wahnsinn eines Balletttages hinter der Bühne wird hier von nahezu dem gesamten Ensemble, inklusive einiger Helfer, frisch und mitreissend dargestellt. Ob Rivalitäten, Liebeleien oder Enttäuschungen - alles ist vetreten. Man weiß gar nicht wohin zuerst das Auge lenken in diesem bunten Treiben. Ein uneingeschränktes und reines Vergnügen, dass am Ende der Vorstellung jedoch noch besser platziert gewesen wäre.