Kolumne: Beifang aus dem Netz

In Zeile 37 ist mir fast das Herz stehen geblieben!

(Sigrid Grün)

Challenges sind immer noch der heißeste Scheiß im mega angesagten Gonzo-Journalismus, bei dem es um die möglichst subjektiven Empfindungen des Verfassers geht. Objektivität, die sich der Journalismus üblicherweise auf die Fahnen schreibt, spielt dabei keine Rolle. Stattdessen dreht sich alles um große Gefühle, Übertreibungen und Geschichten, die berühren. Kurz: Es geht um Unterhaltung.
Während Hunter S. Thompson, der als Begründer und Wegbereiter des Gonzo-Journalismus gilt, noch Literatur erschaffen hat, finden sich in meiner Facebook-Timeline zusehends reine Clickbaiting-Titel wie „Diese fünf Werbungen sind so sexistisch, dass der Werberat sie gerügt hat“ oder „Was du entdeckst, wenn du aus deinem normalen Leben ausbrichst“. Mensch, das will man doch sehen und wissen! Bei der sexistischen Werbung springen bestimmt ein paar Nackte raus und aus dem „normalen Leben“ ausbrechen will fast jeder! Da möchte ich wissen, ob jemand sich in Brand gesteckt hat und durch die Fußgängerzone gelaufen ist oder mit einem Huhn auf dem Kopf einkaufen war. Seien wir mal ehrlich, solche Dinge sind doch wirklich interessant, während die CSU neue Gesetze auf den Weg bringt!
Dann gibt es noch die Texte, deren Titel  stark an den Aufsatzunterricht in der 8. Klasse erinnern:  „Wieso ich Bürohunde verbieten würde“ und „Warum ich allein reise“. Diese Besinnungsaufsätze sollen die LeserInnen zum vertieften Nachdenken über wichtige Themen anregen. Damit könnte dann auch die ätzende Bürokollegin mit ihrem kläffenden Köter konfrontiert werden. Wenn ein Journalist auf einer seriösen Seite darüber geschrieben hat, muss doch was dran sein!
Mit am beliebtesten sind allerdings Challenges und Selbsterfahrungstrips. „Was mit mir passierte, als ich eine Waffe in die Hand nahm“ oder „Wie ich mir einen Tag Berlin anschaute – ohne mein Handy zu benutzen“. Wow, krass! Ist das denn überhaupt möglich, sich einen ganzen Tag lang Berlin anzuschauen, ohne sein Handy zu benutzen? Das muss doch was mit einem machen! Das traut sich wirklich keiner! Was da wohl passiert sein mag? Wahrscheinlich war das ähnlich bewusstseinserweiternd wie das Lecken an einer halluzinogenen Kröte. Oder die Verfasserin des Textes hat sich mit Menschen angefreundet, die sie sonst nie im Leben kennengelernt hätte. Mit Dealern, Zuhältern und Straßenschamanen!
Ich habe die genannten Artikel, die unter diesen Titeln auf ze.tt, dem Onlineangebot der ZEIT, erschienen sind, alle nicht gelesen. Zu oft haben mir inhaltsleere Texte, die als Artikel daherkamen, wertvolle Zeit geraubt. Oft schreiben da Menschen, die sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, ein Thema zu recherchieren. Es geht allein um das Hinausposaunen der eigenen Wahrnehmungen und Empfindungen.
Für freie Journalisten, die auf der Suche nach coolen Challenges sind, hätte ich noch folgende Vorschläge: „Mir war soooo langweilig! Wie ich eine Stunde lang nicht im Internet geguckt hab“
Kakao ist mein Gemüse. Was mit mir passiert ist, als ich einen ganzen Tag lang nur Schokolade gegessen und getrunken habe“
Ich hatte sogar meinen eigenen Fressnapf! Wie ich einen Tag lang als Hund gelebt habe“
Auf Wunsch und gegen Geld gibt’s gerne weitere Themenvorschläge für den erfolgreichen Einstieg in die Welt des Gonzo-Journalismus.

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