Rezension: „Frauenwunderland. Die Erfolgsgeschichte von Ruanda“ von Barbara Achermann

Unterwegs im „Frauenwunderland“ – Trauma und Transformation

Im April 1994 bekamen wir in Europa zunächst kaum etwas davon mit, was in Ruanda passierte. Innerhalb von 100 Tagen wurden eine Million Menschen auf grausame Weise getötet. Der Genozid an den Tutsi, den die rechtsextremistische Bewegung Hutu-Power zwischen April und Juli verübte, ist etwas, das jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens liegt. Immer wieder kam es im Lauf des 20. Jahrhunderts zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden sozialen Gruppen in Ruanda. Hutu und Tutsi gehören nicht verschiedenen Ethnien an, sondern sind von den europäischen Kolonialmächten festgelegte Kategorien: Wer mehr als 10 Rinder hatte, galt als Viehzüchter und gehörte damit der privilegierten Kaste der Tutsi an, wer weniger Vieh hatte, war ein Ackerbauer und damit Hutu. Tutsi, die in der Minderheit waren, wurden in privilegierten Positionen eingesetzt und der Hass der Hutu wuchs zusehends, bis er sich am 6. April 1994 auf grausamste Weise entlud, nachdem der Präsident in seinem Flugzeug abgeschossen worden war. Damals brachten sich Nachbarn und Freunde um – nur weil im Ausweis des einen „Hutu“ und in dem des anderen „Tutsi“ stand… Die meisten Menschen wurden mit Macheten abgeschlachtet, denn in Ruanda beherrscht jeder von klein auf den Umgang mit diesem Gerät. Die Medien spielten eine entscheidende Rolle, denn der Radiosender Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM) war das Sprachrohr der Hutu-Power. Moderatoren stachelten die Hörer im typischen Gute-Laune-Ton zu den Massenmorden an. Zwischen dem üblichen Popmusikgedudel gab es ständig den aggressiven Aufruf zur Tötung der „Inyenzi“ (Kakerlaken): „Tod! Tod! Die Gräben sind erst zur Hälfte mit den Leichen der Tutsi gefüllt. Beeilt euch, sie ganz aufzufüllen!“
Als das Morden nach 100 Tagen durch das Vorrücken der Tutsi-Miliz Front patriotique rwandais (FPR) und das viel zu späte Eingreifen der Staatengemeinschaft endlich gestoppt werden konnte, war das Land verheert. Elternlose Kinder, vergewaltigte Frauen, zerstörte Dörfer und Leichenberge waren zurückgeblieben, die die traumatisierten Überlebenden aufräumen mussten. Viele Täter waren in den Kongo geflüchtet, andere – auch Nicht-Täter – fürchteten sich vor Rache.
Was wird aus einem Land, das eine derartige Katastrophe erlebt hat? Die Prognosen für Ruanda waren schlecht. Man rechnete damit, dass Ruanda sich bei den „failed states“, den gescheiterten Staaten einreihen würde, wie die benachbarte Demokratische Republik Kongo, die in puncto Staatlichkeit weltweit den siebtletzten Platz einnimmt.
Aber sind diese Prognosen zutreffend? Mitnichten! 24 Jahre nach dem Völkermord hat Ruanda eine Vorbildstellung in Afrika inne. In puncto Umweltpolitik sogar weltweit. Wie ist das möglich?
Die Schweizer Redakteurin Barbara Achermann hat sich auf den Weg gemacht und mit Menschen in Ruanda gesprochen, die den Völkermord miterlebt haben oder auch der post-genozidalen Generation angehören. Sie zeichnet ein Bild des aktuellen Ruanda, das zutiefst beeindruckt. Das Land hat innerhalb weniger Jahre einen Aufschwung erlebt, der einem die Kinnlade runterklappen lässt. Eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau des Landes kommt den Frauen zu. Da zahlreiche Männer Opfer oder geflüchtete beziehungsweise verurteilte Täter des Völkermordes waren, übernahmen die Frauen die Mammutaufgabe, das Land wieder aufzubauen. Dies war erst möglich, nachdem die Gesetze geändert wurden. Vorher waren Frauen zum Beispiel nicht erbberechtigt, so dass sie auch nach dem Tod oder der Flucht (bzw. der Inhaftierung) ihrer Männer, nicht über deren Besitz verfügen konnten. Durch neue Gesetze wurde die Unterdrückung der Frauen zumindest von offizieller Seite beendet. Heute sind zwei Drittel (!) der Parlamentarier Frauen. Sie sind Unternehmerinnen und Stars, sie bringen das Land auf unterschiedliche Weise voran und tun Dinge, die vor einigen Jahrzehnten nicht möglich gewesen wären.
In Ruanda gibt es eine Umweltpolitik, die selbst Europäer mit den Ohren schlackern lässt. Plastiktüten sind seit 2008 komplett verboten und die Landeshauptstadt Kigali zählt mittlerweile zu den saubersten Städten. Jeden vierten Samstag im Monat nehmen alle Bürger (außer Klinikpersonal und Polizisten) am sogenannten „Umuganda“, einer Gemeinschaftsarbeit, teil, die der schwäbischen Kehrwoche ähnelt. Drei Stunden lang werden die Straßen gefegt, die Böschungen gepflegt und aufgeräumt. Alle Geschäfte sind geschlossen, die Straßen gesperrt.
Barbara Achermann berichtet von Dingen, die man überall, aber nicht in einem traumatisierten Staat Zentralafrikas erwarten würde: Drohnen liefern Blutkonserven aus, die Gasvorkommen unter dem Kivusee werden zur Energiegewinnung genutzt und erfolgreiche Unternehmerinnen verhandeln mit internationalen Geschäftspartnern.
Die Menschen, die hier vorgestellt werden, sind alle beeindruckende Persönlichkeiten – eine Kaffeehändlerin, eine Kräuterfrau und „Hexe“, die während des Genozids zahlreiche Menschenleben gerettet hat, eine Sängerin, eine Modedesignerin, eine Schuhmacherin, eine IT-Unternehmerin, eine Politikerin, eine Radiosprecherin, die ihre HörerInnen über das alte Kulturerbe sexueller Praktiken aufklärt und viele andere stehen im Mittelpunkt. Doch nicht nur Frauen kommen zu Wort. Auch Männer, die erkannt haben, dass ein Leben nach dem Genozid möglich ist.
Es geht auch um Paul Kagame, den Präsidenten des Landes, der ein Gesetz geändert hat, um weiter an der Macht zu bleiben. Er regiert das Land mit harter Hand. In Ruanda ist nicht alles so wunderbar, wie es vielleicht auf den ersten Blick aussieht. Der unglaubliche Fortschritt hat seinen Preis. Weil das Land selbst kaum Bodenschätze hat, wird der Kongo ausgebeutet. Oppositionelle Politiker werden ruhiggestellt, demokratische Prozesse unterdrückt.
Und doch ist das „Frauenwunderland“ Ruanda in vielerlei Hinsicht ein Vorbild. Barbara Achermanns GesprächspartnerInnen zeigen, dass die wichtigste Ressource eines Landes seine Menschen sind. Frauen blühen auf, sobald sie nicht mehr unterdrückt werden. Sie sind dazu in der Lage Unglaubliches zu leisten und Visionen zu verwirklichen. Die Aufbruchsstimmung, die in Ruanda herrscht, macht Mut. Probleme können nur gelöst werden, wenn sie angepackt werden. Und zwar erst dann, wenn der Hass überwunden ist. Deshalb spielt das Thema „Versöhnung“ auch eine wichtige Rolle in Ruanda und in Achermanns Buch, in dem es u.a. um zwei Freundinnen geht – Jane und Jane – eine von ihnen ist Tutsi, die andere Hutu. Der Vater der einen Jane hat Familienmitglieder ihrer Freundin getötet – und trotzdem sind sie mittlerweile wieder beste Freundinnen, weil Hass keine Lösung ist. Nie.
Ich habe Barbara Achermanns „Frauenwunderland“ verschlungen. Es ist ein Buch, das Mut macht und vor Augen führt, wohin Hass führt – und wie eine Lösung aussehen kann. Eine absolut beeindruckende Lektüre, die ich unbedingt empfehle!

Barbara Achermann: Frauenwunderland. Die Erfolgsgeschichte von Ruanda
erschienen am 16. März 2018
www.reclam.de

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