Rezension: „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ von Richard David Precht

Von der Arbeits- und Leistungsgesellschaft zur selbstbestimmten Digitalgesellschaft – Eine Utopie

Richard David Precht ist Deutschlands populärster Philosoph und hat sich in seinen Büchern bereits zu diversen Themen geäußert. Von der Philosophiegeschichte über Bildungspolitik bis hin zur Liebe weiß er vieles zu sagen. In seinem jüngsten Buch geht es nun um die digitale Revolution, ein Thema, das jeden von uns betrifft, egal, ob wir philosophisch oder bildungspolitisch interessiert oder verliebt sind. So wie die erste industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert die Entwicklung vom Agrar- zum Industriestaat bewirkte und die zweite industrielle Revolution im vergangenen Jahrhundert die Konsumgesellschaft hervorbrachte, verändern Digitalisierung und Globalisierung unser Leben im 21. Jahrhundert grundlegend.
Die digitale Revolution vollzieht sich in großen Schritten. Innovationen sind nicht mehr nur erhaltend („sustaining“), sondern oftmals zerstörend („disruptive“). Eine erhaltende Innovation war z.B. die stetige Verbesserung der Dampfmaschine, die disruptive Innovation, die die Dampfmaschine abgelöst hat, war der Verbrennungsmotor. Disruptive Prozesse sorgen dafür, dass etablierte Produkte und Dienstleistungen verdrängt werden. Airbnb macht der Hotelbranche zu schaffen, Uber ersetzt Taxifahrer, Amazon macht dem Einzelhandel Konkurrenz und die Digitalkamera hat ihren analogen Vorläufer nahezu vollständig verdrängt. Unsere Welt befindet sich im Wandel – so wie das Auto einst die Pferdekutsche verdrängt hat, wird das autonome Fahren vermutlich den Fahrer ersetzen. Schöne neue Welt? Was nach viel Freiheit und vor allem Bequemlichkeit klingt, wie eine Art automatisiertes Schlaraffenland, kann ganz schön nach hinten losgehen. Agiert die Politik in puncto Digitalisierung weiterhin im derzeit viel zu verschnarchten Modus Operandi, bedeutet das eine Gefährdung der zukünftigen Gesellschaft.
Um uns den „Palo-Alto-Kapitalismus“ vor Augen zu führen, entwirft Precht ein Dystopie, die einem kalte Schauer über den Rücken jagt. Die Quantified-Self-Bewegung hat die gesamte Gesellschaft ergriffen, jeder überwacht ständig seine Vitalwerte und wird mit Sensoren und Kameras im öffentlichen Raum überwacht. Das hat zwar ein sichereres und längeres, aber auch deutlich unfreieres Leben im digitalen Käfig zur Folge. Die Fähigkeit, selbst zu erspüren, wie man sich fühlt, geht durch das exzessive Self-Tracking verloren und das moralische Denken ebenfalls, wenn durch die totale Überwachung Fehlverhalten ohne Sanktionierung kaum mehr möglich ist. Die Automatisierung hat viele Menschen ersetzt und trägt z.B. in der Pflege dazu bei, dass immer mehr Patienten immer effizienter betreut werden können. Aber ist es auch wirklich wünschenswert, Menschen auch dann zu ersetzen, wenn es zum Beispiel um Nähe und Zuneigung geht? Ist ein Kuschelroboter für Demente etwas, das wir wirklich wollen? Precht imaginiert eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die noch stärker gespalten ist als jetzt. Während der eine Teil sich in der „Wohlfühlmatrix“ entspannen darf, gibt es immer mehr Abgehängte, die sich eine gute Schule für ihren Nachwuchs und ein sorgenfreies Leben nicht leisten können. Wird vonseiten der Politik nichts unternommen, werden wenige Digitalkonzerne die Ressource der Zukunft, unsere Daten, missbrauchen.
Im Anschluss an die Dystopie, wendet sich der Autor der Retropie – korrekt müsste es „Retrotopie“ heißen – zu, der rückwärtsgewandten Utopie. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat dem Thema ein ganzes Buch („Retrotopia“) gewidmet, das im vergangenen Jahr posthum erschienen ist. Bei der Retrotopie geht es um eine Verklärung der Vergangenheit, um das „Früher war alles besser!“, das für den Zeitgeist unserer Epoche und die „Abstiegsgesellschaft“ (Nachtwey) typisch ist. Trumps „Make America great again!“ bringt das Ganze auf den Punkt. Rechtspopulisten lieben die Retrotopie, die die Sehnsucht nach einem sicheren Leben ohne Bedrohungen von außen weckt. Aber war früher wirklich alles besser? Und verwechseln Verfechter eines romantisierten Früher nicht vielmehr Ursache und Folge? Die Flüchtlinge, die gegenwärtig zu uns kommen, „sind keine Ursache von irgendetwas, sondern die Folge unseres Wirtschaftens, sind Folge von ungleichen Lebenschancen und Ressourcen.“ (88)
Wenn sich Dystopie und Retropie (bzw. Retrotopie) als Sackgassen erweisen, wo ist die humane Zukunft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und nicht die Technik, zu suchen? Natürlich in der Utopie, der sich Richard David Precht ab Seite 101 widmet. Auf 160 Seiten fasst der Autor zusammen, wie wir die Kurve doch noch kriegen könnten. Zentral ist dabei die Abschaffung der Arbeits- und Leistungsgesellschaft zugunsten einer „Welt aus Automation und selbstbestimmter Tätigkeit“ (259). Da durch die fortschreitende Automation immer mehr Arbeitsplätze wegfallen, da Menschen durch Maschinen und Programme ersetzt werden können, wobei die Effizienz ebenfalls zunimmt, sehen wir uns mit dem Problem konfrontiert, dass nicht mehr genug Arbeit für alle da ist und folglich weniger konsumiert werden könnte. Selbstverständlich werden sich neue Arbeitsbereiche ergeben, aber zahlreiche Berufe der Mittelschicht, etwa in der Verwaltung, werden verschwinden. Es wird kaum jemand weinen, weil er nicht mehr Buchhalter werden kann, aber ein Buchhalter, der seinen Job verliert, oder jemand, der überhaupt keine Arbeit findet, eben schon! Wie können wir diesem Problem begegnen? Precht ist ein Verfechter des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) und spricht sich für einen Satz von mindestens 1.500 Euro monatlich aus. Eine Möglichkeit der Finanzierung sieht er in einer Mikrosteuer (Finanztransaktionssteuer), die großteilig „aus der Finanzwirtschaft, insbesondere aus dem Hochfrequenzhandel“ (135) stammen könnte. Dadurch würden Normalbürger entlastet und zusätzlich könnten riskante Spekulationen eingedämmt werden.
Infolge des Bedingungslosen Grundeinkommens könnten Menschen sich endlich frei entfalten und stünden nicht mehr unter dem Druck, aus Not in entwürdigenden Beschäftigungsverhältnissen verbleiben zu müssen. Eine „weitgehend angstfreie Arbeitskultur“ (145) wäre das Ergebnis. Die Arbeiter-Bewegung des 19. Jahrhunderts würde abgelöst von der „Nicht-Arbeiter-Bewegung des 21. Jahrhunderts“ (253). Um sich von den Anforderungen der Arbeits- und Leistungsgesellschaft zu lösen, müsste sich allerdings auch einiges am Bildungssystem ändern. Nicht mehr extrinsische Motivation durch Belohnung und Bestrafung, sondern die intrinsische Motivation, die sich aus Neugierde und Begeisterung speist, muss im Mittelpunkt stehen, wenn es um die freie Entfaltung des Menschen geht. Wir alle könnten – frei nach Karl Marx‘ kommunistischer Utopie „Jäger, Hirten, Kritiker“ sein – je nachdem, was uns mehr liegt.
Der Weg dorthin sollte nicht der schnellste sein, denn Abkürzungen bergen Gefahren und der kürzeste Weg ist nicht unbedingt der beste. Anhand von Beispielen aus den Bereichen „Verkehr“ und „Medizin“ erklärt Precht, worauf zu achten ist.
Und dann geht es ihm natürlich um Bildung und die Entwicklung von Urteilsvermögen. Ohne diese „Basisausstattung“ werden wir nicht zukunftsfähig sein, zumal sich zur Arbeits- und Konsumkrise noch die ökologische Krise gesellt, die eine große Herausforderung für uns und zukünftige Generationen sein wird.
Richard David Precht hat mit „Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“ eine Art „Masterplan“ entworfen, der viele wertvolle Denkanstöße enthält. Er verarbeitet die Theorien zahlreicher einflussreicher Denker, entwickelt sie weiter und bringt sie in eine sehr gut lesbare Form, die auch einem breiten Publikum verständlich ist. Eine bewundernswerte Leistung!

 

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft
erschienen am 23. April 2018
www.randomhouse.de

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