Rezension: „Das Leben des Vernon Subutex 3“ von Virginie Despentes

„Die Welt zerfällt“ – Virginie Despentes erzählt von Aussteigern, vom Ausnahmezustand und von einer Apokalypse

Ein DJ als Guru – das ist das, was aus Vernon Subutex, dem pleitegegangenen Plattenverkäufer aus dem ersten Teil der Trilogie, der in Band zwei auf der Straße gelandet war, im dritten und abschließenden Band geworden ist. Mit seinen Freunden und Anhängern lebt er eine Art Hippieleben auf dem Lande. Regelmäßig legt er bei den „Convergences“ auf, den Tanzveranstaltungen der Gemeinschaft, die sich um ihn schart. Konvergenzen, das sind Annäherungen – und genau das findet in Despentes Trilogie statt: Einzelne Menschen nähern sich trotz unterschiedlichster Lebensentwürfe und politischer Einstellungen einander an und bilden eine Gemeinschaft rund um Vernon Subutex, der wie eine Ersatzdroge heißt, weil in der heutigen Zeit alles nur noch Ersatz zu sein scheint.
Alles fängt mit Zahnschmerzen an, wegen derer Vernon gemeinsam mit seiner Freundin Mariana nach Paris fährt, um sich behandeln zu lassen. Dort trifft er unter anderem auf die Véro, die Lebensgefährtin von Charles, der zu Vernons Freunden gehört. Von ihr erfährt er von Charles Tod und von dem Erbe, das er seiner Lebensgefährtin hinterlassen hatte. In einem Brief trägt er ihr auf, das Geld – fast eine Million – mit dem Kreis um Vernon zu teilen. Vernon nimmt sie mit aufs Land, wo das Geld bereits verplant wird, doch als die Véro plötzlich verschwindet, wird die Gruppe misstrauisch. Hat Vernon das ganze Geld möglicherweise für sich behalten? Mit dieser Verdächtigung konfrontiert, zieht Vernon sich zurück. Er verlässt das Lager und bricht den Kontakt zu seinen Freunden vorübergehend ab. Sein Verschwinden lässt andere Figuren in den Vordergrund treten. Aicha zum Beispiel, die junge Frau, die in Band 2 mit Céleste einen Racheakt am Produzenten Dopalet verübt hat, weil er der mutmaßliche Mörder ihrer Mutter ist. Sie und Céleste mussten abtauchen, um sich vor Dopalet zu schützen. Doch während Aicha die Anweisungen der „Hyäne“ exakt befolgt und unsichtbar bleibt, nimmt Céleste es auf die leichte Schulter. Sie hält sich nicht mehr im spanischen Nirgendwo versteckt, sondern zieht nach Barcelona, wo sie unter falschem Namen in einer WG unterkommt und als Tätowiererin arbeitet. Das wird ihr zum Verhängnis, denn über einen Facebook-Like wird sie aufgespürt… Hier setzt eine grausame Thriller-Handlung ein. Es geht um Gewalt gegen Frauen, die bei Virginie Despentes oft eine Rolle spielt. Die Autorin ist selbst einmal Opfer einer Vergewaltigung geworden und greift das Thema häufig auf.
Und dann finden Vernon und die Gruppe doch wieder zueinander – allerdings muss man sich fragen, ob das auch gut ist, denn bei der Convergence in einer verlassenen Fabrik kommt es zu einem apokalyptischen Szenario, das nicht nur durch die Inszenierung der Ereignisse durch Dopalet, sondern auch durch den prophetischen Blick in die Zukunft gesteigert wird.
Virginie Despentes ist mit dem abschließenden Band der Trilogie wieder ein Meisterwerk gelungen, in dem sie mit diversen Genres spielt und dem Leser vor allem zum Schluss eine Handlung vor den Latz knallt, die einen förmlich umwirft. Überhaupt hängt ein apokalyptischer Hauch über der ganzen Geschichte. Die Pariser Anschläge – Charlie Hebdo und Bataclan – erschüttern sogar den skupellosen Produzenten Dopalet: „Sein Sättigungsgrad an Grausamkeit ist erreicht.“ (234) Und: „Die Welt zerfällt. Er hört keine Nachrichten mehr, weder im Radio, noch im Fernsehen. Er kört seine Mailbox nicht mehr ab.“ (236)
Die Welt befindet sich in einem Alarmzustand. Frauen tragen beim Weggehen Turnschuhe statt High Heels, weil sie damit im Notfall besser flüchten können. Die Menschen nehmen Psychopharmaka, um die ständige Angst zu zähmen: „Das ist die Welt von heute. So weit ist es mit ihr gekommen. Sobald du eine Feuerwehrsirene hörst, guckst du in den Newsfeed, ob etwas passiert ist. Léonard ist jedes Mal erleichtert, wenn er Twitter aufmacht und die Leute nicht von einer Bluttat reden, die sich gerade irgendwo abspielt. Du lebst mit dem Gedanken, dass jederzeit etwas passieren kann. Du fährst mit den Öffentlichen, setzt dich auf eine Caféterrasse, um eine zu rauchen, besuchst ein Konzert. Du gehst tanzen. Aber heute weißt du, dass du vielleicht nie mehr nach Hause kommst. Seit drei Wochen nimmt Léonard wieder seine Pillen.“ (380)
Virginie Despentes ist mit dem dritten Band ein fulminanter Abschluss der Trilogie gelungen. Der Schluss ist verstörend und befremdlich – das ist das, was Literatur unter anderem leisten kann. „Vernon Subutex“ ist ein unheimlich guter Gesellschaftsroman, der Figuren lebendig werden lässt, die zutiefst authentisch wirken. Ich kann die Lektüre nur empfehlen!

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 3
erschienen am 7. September 2018
www.kiwi-verlag.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.