Rezension: „Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels“ von Uwe Schneidewind

„Making Utopia possible“Zukunftskunst als Transformationskompetenz

Nach der neolithischen und der industriellen Revolution sieht sich der Mensch mit der Herausforderung konfrontiert, die digitale Revolution sowie eine nachhaltige Entwicklung auf einem begrenzten Planeten zu meistern. Um das zu schaffen, bedarf es diverser Transformationsprozesse, denn die momentane Entwicklung ist so nicht fortführbar.

Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie sowie Professor für Innovationsmanagement und Nachhaltigkeit. Die Kompetenz, mit den dringend gebotenen Transformationsprozessen umzugehen, fasst er unter dem Begriff „Zukunftskunst“ zusammen. Interessant daran ist, dass er nicht – wie viele andere – Technologie, Ökonomie oder Politik als Hauptkriterien einer nachhaltigen Entwicklung betrachtet, sondern die kulturelle Dimension: „Auch wenn Technologien, Geschäftsmodelle und Politik wichtig sind, am Ende verändern Ideen und neue Wertvorstellungen die Welt. Jede große Transformation ist letztlich eine moralische Revolution.“ (42) Alle vier Dimensionen sind also wichtig, aber entscheidend sind letztendlich die kulturellen Wertigkeiten. Wenn z.B. ein eigenes Auto oder der Verzehr von Fleisch keine Werte mehr darstellen, fällt es nicht schwer, auf sie zu verzichten.
Im 1990 vorgelegten Abschlussbericht der Sachverständigenkommission für Umwelt und Entwicklung (World Commission on Environment and Development) unter Leitung von Gro Harlem Brundtland wurde „Nachhaltige Entwicklung“ definiert als eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“ (111). Es geht also um Gerechtigkeit, sowohl im Hinblick auf unsere Nachfahren, als auch auf unsere Mitmenschen in der ganzen Welt.
Doch wie soll das bewerkstelligt werden, wenn zum Beispiel unser Konsumverhalten mit erheblichen Nachteilen für Menschen in anderen Regionen verbunden ist? Und wie sollen künftige Generationen unter den veränderten Bedingungen überleben können? Die Ressourcen unseres Planeten sind begrenzt, auch wenn heute die alten „Grenzen des Wachstums“ belächelt werden. Erdöl und Erdgas sind auch nach der Jahrtausendwende immer noch verfügbar, aber die Erschließung neuer Öl- und Gasquellen ist mit erheblich mehr Aufwand und Risiken verbunden. Fracking gefährdet z.B. die Gesundheit der in der Region lebenden Menschen.
Wie können wir der Klimafrage begegnen? Wie unseren ökologischen Rucksack verkleinern? Diese Fragen wirft der Autor auf und erklärt, wie der Mensch die Große Transformation in sieben Arenen angehen kann, beziehungsweise muss, denn ein Wandel unserer kapitalistischen Konsumkultur ist überlebenswichtig für unsere Spezies.
Schneidewind erläutert ausführlich die sieben erforderlichen Wenden: Die Wohlstands- und Konsumwende, die Energiewende, die Ressourcenwende, die Mobilitätswende, die Ernährungswende, die urbane Wende sowie die industrielle Wende.
Die „Große Transformation“ ist angelehnt an die Analyse des ungarisch-österreichischen Wirtschaftssoziologen Karl Polanyi, dessen Buch „Great Transformation“ in den 1950er Jahren den Versuch darstellte, den tiefgreifenden Wandel der westlichen Gesellschaftsordnungen im 19. und 20. Jahrhundert, zu erklären.
Nachdem Schneidewind in den ersten beiden Teilen den Ansatz erklärt und das Zusammenspiel der sieben Arenen erläutert, geht es im dritten Abschnitt um die Akteure der Großen Transformation. Die Institutionen allein, sind nicht dazu in der Lage, die Verantwortung für den erforderlichen Wandel zu tragen. Neben der Zivilgesellschaft und den Unternehmen, geht es hier primär um „Pioniere des Wandels“, die die Transformation antreiben.
Uwe Schneidewind beschreibt treffend und trotzdem tiefgehend, was passieren muss, damit der Wandel möglich wird. Es ist keine einfache Lektüre, aber auf alle Fälle eine, die sich lohnt!

Uwe Schneidewind: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst des gesellschaftlichen Wandels
erschienen am 22. August 2018
www.fischerverlage.de

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