Rezension: Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau

„Er hat eine Frau […] und das bin ich“ – Feridun Zaimoglu erzählt „Die Geschichte der Frau“

Feridun Zaimoglu ist mit seinem jüngst erschienen Werk „Die Geschichte der Frau“ für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert. Doch nicht allein dieser Umstand erweckte mein Interesse, sondern vor allem das Thema: Der Autor verleiht Frauen verschiedener Zeitalter eine Stimme und möchte damit – so verspricht es der Titel – „Die Geschichte der Frau“ erzählen. Mir kamen gleich Christine Brückners 1983 erschienene Monologe „Wenn du geredet hättest, Desdemona“ in den Sinn, die ich bereits als Kind verschlungen habe.
Verschlungen habe ich die knapp 400 Seiten der „Geschichte der Frau“ ganz und gar nicht. Ich musste kämpfen, mich streckenweise zum Weiterlesen zwingen. Dabei hatte ich mich so auf die Lektüre gefreut, da sowohl bedeutende Frauen der Weltgeschichte als auch unbekannte Frauen zu Wort kommen. Jede der Figuren hat mich interessiert – die Auswahl ist dem Autor sehr gut gelungen:
1490 vor Christus erzählt Zippora, die Frau Moses von ihrem Leben, dann kommt Antigone, eine meiner Lieblingsgestalten der griechischen Mythologie zu Wort. Sie widersetzt sich der Gewaltherrschaft Kreons und begräbt gegen seinen Willen ihren Bruder. Judith, der Jüngerin Jesu und Frau des Judas sowie der Kriegerkönigin Brunhild sind ebenfalls Kapitel gewidmet. Die wütende Walküre fand ich stellenweise auch sehr glaubhaft. Es folgen Prista Frühbottin, die der Hexerei bezichtigt wurde und die Magd Lore Lay. Die politisch engagierte Fabrikantentochter Lisette Bielstein sitzt zur Zeit der Revolution (1848/49) in einer politischen Versammlung und Heidrun Tilmanns erzählt 1945 von ihrem Leben als Trümmerfrau. Sehr interessant fand ich Leyla, die Gastarbeiterfrau, die 1965 von ihrem Alltag in einem fremden Land berichtet. „Leyla“ ist auch der Titel eines Romans, den Zaimoglu 2006 veröffentlichte. Zuletzt geht es um Valerie Solanas, eine Feministin, die im Juni 1968 auf Andy Warhol schoss – er überlebte nur knapp.
Doch trotz der überaus gelungenen Auswahl interessanter Frauen fand ich das Buch nicht nur anstrengend (es ist ja oft durchaus befriedigend, anstrengende Bücher zu lesen), sondern sprachlich vollkommen überfrachtet. Die häufig vorkommenden Alliterationen wirken teilweise bemüht („Feld, First und Früchte“, 37, „fest und frostig“, 48, „Stein und Seim“, 50, „Nichts und Nimmermehr“, 50 usw.), der Stil ist umständlich. Das führte bei mir dazu, dass ich die Frauen größtenteils weder sympathisch fand – was auch nicht sein muss –, vor allem aber wirkten die Figuren nicht gerade lebendig. Bis zum Schluss wurde ich nicht warm mit der Lektüre. Sie enthielt nichts, das mich zutiefst beeindruckt oder auch nur berührt hätte. Und das fand ich ausgesprochen schade, denn das Thema hat so viel Potenzial!
Wer Freude daran hat, sich durch sprachlich überaus üppige Texte zu kämpfen – und ich weiß, dass es Leserinnen und Leser gibt, die das mögen -, wird „Die Geschichte der Frau“ gut finden. Ich gehöre leider nicht dazu.

Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau
erschienen am 20. Februar 2019
www.kiwi-verlag.de

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