Rezension: Péter Nádas: Leni weint. Essays

„Kaum etwas ist grauenvoller und niederträchtiger als die menschliche Vergesslichkeit, wenn sie dem Überleben oder der Wahrung des Scheins moralischer Unbeflecktheit dient“

31 Essays aus 25 Jahren (1989 bis 2014) versammelt dieser über 500 Seiten starke Band von Péter Nádas. Der ungarische Schriftsteller und Fotograf wurde 1942 in Budapest geboren, wurde bereits in jungen Jahren zum Vollwaisen und durfte in den 70ern sieben Jahre lang nicht publizieren. Nach Zwischenstation in West-Berlin lebt er heute wieder in Budapest und in einem Dorf in Westungarn.
Der titelgebende Essay bezieht sich auf Leni Riefenstahl, die im September 1939 Zeugin des Konskie-Massakers wurde, bei dem über 20 Menschen durch Genickschuss ermordet wurden. Nádas beschreibt die Szene folgendermaßen: „Am selben Tag, als Hitlers weltweit gefeierte Hofkünstlerin, die wundervolle und charmante Leni Riefenstahl, morgens Zeuge der tatsächlichen Abschlachtung realer Menschen wurde, um daraufhin, von diesem hautnahen Anblick und den peinlichen Begleitgeräuschen des Massenmords überwältigt, in mädchenhaft hysterisches Weinen auszubrechen, indes ein Fotograf ihres Stabs noch die Zeit und Geistesgegenwart aufbrachte, um, die günstigen Lichtverhältnisse nutzend, die beispiellose Szene zu verewigen, meldete sich abends die wohlbekannte Stimme des CBS-Korrespondenten mit den Worten: „Guten Tag, Amerika! Hier spricht William L. Shirer aus Berlin.“ (290)
Sprachgewaltig und bisweilen detailversessen sind seine Texte, an denen man sich abarbeiten kann. Neben einem seiner Hauptthemen – der Geschichte Ungarns und des ehemaligen Ostblocks – geht es u.a. um bekannte und weniger bekannte Menschen, um Literatur, Kunst, Moral und vor allem um Nádas selbst. Der letzte Essay, den ich bereits vorher kannte, behandelt sogar seinen Tod. Am 28. April 1993 hatte der Autor in Budapest einen Herzinfarkt und schleppte sich noch mehrere Stunden damit durch die Stadt. Dieses Nahtod-Erlebnis verarbeitete er in dem 45 Seiten umfassenden Text „Der eigene Tod“.
Kennzeichnend für Nádas Literatur sind die außerordentliche Beobachtungsgabe und die Sprachgewalt des Autors. Hier treffen Ästhetik und Analyse, Erforschung der subjektiven Erinnerung und sprachliche Radikalität aufeinander. Hinzu kommt stets eine ordentliche Prise Pessimismus. Es ist weiß Gott keine unterhaltsame Lektüre, die sich mal so nebenbei konsumieren lässt. Fast jeder der Texte muss verdaut werden, aber gerade dieser Umstand macht den Reiz aus.
Péter Nádas gehört meiner Meinung nach zu den besten zeitgenössischen Erzählern. Seine Texte sind klug und kritisch, scharfsinnig und voller Leidenschaft. Er scheut sich nicht, vieles zu hinterfragen, das in der öffentlichen Diskussion zum Tabu erklärt wurde, etwa die anhaltende Bedeutung der Schattenwirtschaft im ehemaligen Ostblock: „Wenn die Schattenwirtschaft ihre Positionen nicht im Moment der Freiheit aufgegeben und ihre weitverzweigten Netzwerke legalisiert hatte, warum sollte sie das nach zwanzig Jahren erfolgreichen Betriebs tun. Die Schattenwirtschaft will ihre geheime Struktur, ihre Logistik, ihre bereits als gemeinsame Sprache verwendete Gaunersprache und ihre wirklich nicht als salonfähig zu bezeichnenden Verhaltensregeln in den geordneten Kapitalismus hinüberheben. […] Warum sollte sie sich nicht bewahren wollen, was sie mit jahrzehntelanger Arbeit auf Kosten aller und gegen alle aufgebaut hat. Sie will es nicht aus Dummheit und Bösartigkeit hinüberretten, sondern weil sie nichts anderes kennt.“ (125) Auch der Sozialismus kommt nicht gut weg: „[D]enn es gibt keinen Sozialismus außer dem real existierenden. Seine Fehler sind nicht personengebunden, sondern funktionsbedingt, seine Vergehen symptomatisch.“ (115)
Immer wieder unternimmt Nádas den Versuch, menschliches Verhalten zu deuten – vor allem im Zusammenhang mit den Beschädigungen, die Diktaturen angerichtet haben: „Eine heranwachsende Generation das Leben lehren oder sie zum Überleben erziehen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wer im Überleben sozialisiert wurde, kann auch später nur um den Preis schwerer Prüfungen aus dem Kokon seiner Willfährigkeit schlüpfen.“ (117) Und: „Kaum etwas ist grauenvoller und niederträchtiger als die menschliche Vergesslichkeit, wenn sie dem Überleben oder der Wahrung des Scheins moralischer Unbeflecktheit dient.“ (136)
Sprachlich hat mich Péter Nádas bisweilen an den leider relativ wenig bekannten ungarischen Schriftsteller Béla Hamvas erinnert. Wenn eine außerordentliche Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zu präzisen Analysen aufeinandertreffen, kommt quasi zwangsläufig etwas Spannendes dabei raus. Ich kann die Lektüre nur empfehlen!

Péter Nádas: Leni weint. Essays
erschienen am 25. September 2018
www.rowohlt.de

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