Rezension: Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

„Ich bin tot, aber es geht mir gut“ – Elena Ferrante erzählt von einer Frau in der Krise

„Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind am schwierigsten zu erzählen“, sagt Leda, die 48-jährige Ich-Erzählerin des Romans. Und dann erzählt sie von ihrem Strandurlaub in Süditalien, der sie zurück in die Vergangenheit versetzt.

Die „Neapolitanische Saga“ von Elena Ferrante gehört zu den erfolgreichsten Reihen der vergangenen Jahre. Nun werden auch ältere Werke der unter Pseudonym schreibenden Italienerin in deutscher Sprache erneut aufgelegt. „La figlia oscura“ erschien bereits 2006 in italienischer Sprache und ein Jahr später in deutscher Übersetzung. Wer die Tetralogie um die beiden Freundinnen Elena und Lila kennt, wird einigen Motiven auch in „Frau im Dunkeln“ begegnen. Leda ist 48, Mutter zweier Töchter, Geisteswissenschaftlerin und hat sich früh von ihrem Mann getrennt – genau wie Elena aus der Neapolitanischen Saga.
Leda verbringt einige Tage an einem Strand in Kalabrien. Sie liest und beobachtet eine junge Frau namens Nina und deren vierjährige Tochter Elena, die mit ihrer Puppe spielt. Die Entourage der jungen Mutter ist laut und nervig, doch Leda ist fasziniert von der Großfamilie, die genau wie sie selbst aus Neapel stammt. Die Beobachterin baut insgeheim eine Art Beziehung zu der jungen Mutter auf. Doch nach wenigen Tagen tut sie etwas Verstörendes, das sie selbst nicht versteht. Und nach und nach verliert sie sich in Gedanken immer mehr in der eigenen Vergangenheit, die geprägt war von der Zerrissenheit zwischen dem Anspruch eine gute Mutter oder eine erfolgreiche Wissenschaftlerin zu sein. Die Geburt ihrer Töchter Bianca und Marta, die Scheidung von ihrem Ehemann und die Einsamkeit nach der Trennung – es ist, als erlebe sie die ganze Überforderung ihrer jungen Jahre erneut. Obwohl sie sich vornimmt, ihre verstörende Aktion wiedergutzumachen, schiebt sie die Sache bis zuletzt auf. Und dann ist es schließlich zu spät…

Elena Ferrante hat eine einzigartige Begabung, von den dunklen, schambehafteten Seiten der Menschen zu schreiben. Insbesondere die Auseinandersetzung mit den Themen Partnerschaft und Mutterschaft ist stets schmerzhaft. Es geht um quälende Schuldgefühle, um Neid und um Minderwertigkeitskomplexe und – genau wie in der Neapolitanischen Saga – auch um Konkurrenz und den Zwang, sich selbst oder die eigenen Kinder mit anderen zu vergleichen. Hier ist es nicht nur der Vergleich ihres jüngeren Ichs mit der jungen Mutter Nina, die zunächst ausgesprochen entspannt wirkt, sondern auch der Vergleich der Töchter mit deren Freundinnen: „Seit ihrer frühesten Jugend hatte ich die Manie, meine Töchter mit ihren Altersgenossinnen zu vergleichen, mit jenen ihrer besten Freundinnen und Schulkameradinnen, die als schön galten und Erfolg hatten. Ich empfand sie auf eine undeutliche Weise als ihre Rivalinnen, als würde durch die Unbefangenheit, Anziehungskraft, Anmut, Intelligenz der anderen meinen Töchtern etwas entzogen, und auf irgendeine obskure Weise auch mir.“ (72)
Es sind die Ängste einer Aufsteigerin, die hier deutlich werden. Sie fühlt sich noch unsicher in ihrer Position und versucht dem Gefühl der Bedrohung aggressiv zu begegnen – wenig später wird sie eine Freundin, die ihrer Tochter „gefährlich“ wird, beschimpfen und demütigen.
Gerade diese menschlichen Schwächen machen Ferrantes Protagonistinnen so authentisch.
Menschliche Krisen und der Umgang mit ihnen sind die großen Themen der Italienerin. Dabei rutscht sie nie in den Kitsch oder in die Rührseligkeit ab, sondern bewahrt eine gewisse Kühle, die zu den Wissenschaftlerinnen passt, aus deren Perspektive stets erzählt wird. Es ist ein stetes Schwanken zwischen dieser Beherrschtheit und der Impulsivität der Unterschicht, denen Ferrantes Heldinnen entstammen.
Mich hat „Frau im Dunkeln“ trotz der allzu vertrauten Motive sehr begeistert. Sprachlich und stilistisch meisterhaft erzählt, gelingt es der Autorin, einen ausgesprochen authentischen Blick in das Seelenleben einer Frau zu werfen, die mit ihrer Vergangenheit noch nicht Frieden schließen konnte.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln
übersetzt von Anja Nattefort
erschienen am 11. Februar 2019
www.suhrkamp.de

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