Rezension: Matthias Nawrat: Der traurige Gast

„Für das, was passiert, haben wir uns zu verantworten, wenn auch nur vor uns selbst, aber das ist vielleicht das Schlimmste“ – Matthias Nawrat erzählt von Trauer und seelischem Schmerz

Wir gehen Menschen mit Verlusten um? Der namenlose Erzähler in Matthias Nawrats Roman streift durch Berlin und begegnet unterwegs verschiedenen Personen, die die Erfahrung von Schmerz miteinander verbindet. Alle haben etwas verloren und müssen sich damit arrangieren.

Matthias Nawrat, 1979 im polnischen Opole geboren, kam im Alter von 10 Jahren nach Deutschland. Nach einem Studium der Biologie und am Schweizer Literaturinstitut in Biel veröffentlichte er drei Romane, die mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. 2019 stand sein jüngster Roman „Der traurige Gast“ auf der Liste der Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse.
Ein namenloser Mann, der aus Polen stammt, trifft in Berlin Menschen, die ihm ihre Geschichten erzählen. Da gibt es zum Beispiel die Architektin Dorota Kamszer, die genau wie der Erzähler (und auch der Autor) aus dem polnischen Opole stammt. Ursprünglich wollte der Ich-Erzähler seine Wohnung umgestalten lassen, doch dieses Anliegen gerät im Lauf der Zeit immer stärker in Vergessenheit. Stattdessen taucht er immer tiefer in die Lebensgeschichte der depressiven Architektin, die ihr Stadtviertel (Schöneberg) nicht verlässt, ein. Bereits als Kind verliert sie ihren Bruder, später ihre Heimat und ihren Partner. Sowohl der soziale Rückzug als auch der Blick zurück auf die eigene Vergangenheit sind schmerzhaft und Dorota wird diesen Schmerz irgendwann nicht mehr aushalten.
Aber auch sein ehemaliger Kommilitone Karsten kreuzt seinen Weg. Und es gibt zahlreiche kurze Begegnungen, zum Beispiel mit einem über 80-jährigen Klavierstimmer, einem Friseur, einem Jungen in einem Hinterhof und vielen anderen. Es sind vor allem Migranten, die sowohl den Schmerz des Abschieds als auch den der Ankunft kennen. Manchen von ihnen gelingt die Ankunft in ihrem eigenen Leben erst spät – vielleicht zu spät. Dariusz war ursprünglich Neurochirurg, erlebte aber einen tragischen Abstieg und viele Verluste, die er kaum verkraften konnte. Der Erzähler lernt ihn als Arbeitskollegen an der Tankstelle kennen. Die Geschichte des ehemaligen Arztes führt den Leser durch die halbe Welt und endet schließlich an einer Berliner Friedhofsmauer.
Matthias Nawrats Sprache hat mich von der ersten Seite an begeistert. Die Texte sind melancholisch, ohne auch nur ein einziges Mal in die Rührseligkeit abzurutschen. Mehr als ein Jahr lang begleitet man als Leser den umherstreifenden Erzähler, der seinen Gesprächspartnern eine Stimme gibt, durch Berlin.
Die Menschen, die von sich erzählen, gewähren einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben. So berichtet die Architektin beispielsweise mehrfach davon, wie sie die Welt wahrnimmt. Auf einem Spaziergang durch ihr Stadtviertel teilt sie dem Erzähler mit, dass sie „den großen Körper […] spüre, […] über den Bäume und Gebäudezüge in größter Eile gepflanzt und Straßen gelegt worden seien“ (118). Die Wahrnehmung der Welt unter der Oberfläche, „das Ungewisse“ (117) kommt ihr aber zusehends abhanden – und sie ist sich dessen bewusst: „Er ist da, glauben Sie mir, sagte sie. Aber jetzt kommt das Entscheidende. Diese dünne Schicht, der Anstrich, den die Gesellschaft, die Zivilisation darstellen, kommt mir realer vor als alles andere, er ist für mich die eigentliche Wirklichkeit geworden.“ (118)
Auch die Wahrnehmung des Erzählers ist in einem Abschnitt Thema und zwar dann, wenn es um den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz geht. Was haben der Anschlag und die Ungewissheit verändert? Vor allem in diesem Teil des Romans erfährt man zumindest ein bisschen über den Mann, der sonst eher im Hintergrund bleibt, genau wie seine Frau Veronika, die lediglich namentlich in Erscheinung tritt.
Matthias Nawrat ist ein berührendes Buch über existenzielle Dinge wie Verlust und Schmerz gelungen, das ich nicht nur wegen der wunderbaren Sprache, sondern auch wegen der empathischen Erzählweise sehr gerne gelesen habe.

Matthias Nawrat: Der traurige Gast
erschienen am 22. Januar 2019
www.rowohlt.de

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