Norbert Zähringer: Wo wir waren

„Vieles ist unwahrscheinlich, aber wenn wir nur an das Wahrscheinliche glauben, dann kommen wir nicht weit.“ – Norbert Zähringer erzählt ein modernes Märchen von einem Waisenkind, das zum Multimillionär wird

In Norbert Zähringers Roman um den Jungen Hardy Rohn tauchen gleich zwei Topoi auf, die in anderen Titeln der diesjährigen Longlist in Erscheinung treten: das Waisenkind (vgl. „Miroloi“) und die Mondlandung (vgl. „Die Geschichte meiner Mutter“).
Hardy wird 1964 im Zuchthaus geboren und im Alter von nur einer Woche in das berüchtigte Auberger Kinderheim gesteckt. Seine Mutter ist die „Giftmörderin“ Martha Rohn, die zwei Männer und einen Hund auf dem Gewissen hat. Im Juli 1969, am Tag, bzw. in der Nacht der Mondlandung, machen sich beide auf den Weg in die Freiheit. Hardy türmt aus dem Kinderheim, seine Mutter aus dem Zuchthaus – doch beide werden geschnappt. Ein Jahr später wird Hardy aber doch noch von dem Ehepaar, bei dem er nach seiner Flucht über Nacht untergekommen ist, adoptiert. Er wächst in einer Siedlung in der Nähe des Kinderheims auf und freundet sich mit Betti, der Tochter des benachbarten Gärtners an. Schon früh fällt auf, dass der Junge überdurchschnittlich intelligent ist – er kann bereits vor der Einschulung lesen und rechnen und hat einen enormen Wissenshunger. Er ist überhaupt ein unruhiger Geist, der davon träumt, selbst ins All zu fliegen. Doch dazu kommt es nicht, denn statt an die Caltech zu gehen, gründet er bereits Anfang der 80er ein Startup…
Seine Mutter Martha versucht sich indessen mehrfach das Leben zu nehmen, denn sie hat keine Zukunft mehr. Zweimal lebenslänglich lautete das Urteil des Richters, der sich für die genauen Hintergründe der Giftmorde nicht sonderlich interessiert hat. Doch knapp fünf Jahre nach ihrer Inhaftierung erzählt sie nach einem missglückten Suizidversuch einem Psychiater von ihrem Leben. Ihr Vater stammte bereits aus dem düsteren Neuorth, einem Nest in Rheinhessen, das im Zentrum der Geschichte steht. Dorthin kehrte Martha gegen Kriegsende zurück, denn aus dem Memelland, in dem sie zur Welt gekommen war und wo die Familie ihrer Mutter lebte, musste sie fliehen. „Wo wir waren“ stand im Logbuch des Segelbootes ihres Vaters, mit dem Martha sich gemeinsam mit einem fremden Jungen auf den Weg gemacht hat. Von dieser traumatischen Flucht im Alter von 14 Jahren und von der Ankunft im Heimatdorf ihres Vaters, in dem sie als Flüchtling nicht erwünscht war, erzählt sie dem Arzt genauso wie von ihrer Ehe mit Frank Zimmermann und dem Leben danach.
„Wo wir waren“ ist eine ausgesprochen unterhaltsame Geschichte, die ein ganzes Jahrhundert in den Blick nimmt – von Adam und Eva im anbrechenden 20. Jahrhundert bis zum Aufstieg der Dotcom-Millionäre des 21. Jahrhunderts – hier steckt eine Menge drin und Zähringer versteht es, Geschichten spannend zu erzählen. Er bedient sich nicht nur zahlreicher Zeitsprünge, um das Ganze zu einem Mosaik zusammenzufügen, sondern nutzt auch Cliffhanger, die einen dazu animieren, immer weiterzulesen. Es geht um die Leidenschaft für die Wissenschaft und natürlich um die Liebe und das Glück. „Wenn wir wüssten, wann im Leben wir am glücklichsten sind, wie könnten wir danach weiterleben?“ (436), fragt Betti Hardy einmal und sein kasachischer Reiseführer Balu drückt das Ganze etwas forrest-gumpesk so aus: „Manchmal denke ich, das Leben ist wie eine lange Zugfahrt. Nur ist der Zug die Zeit. Eben noch hat er gehalten, an einem besonders schönen Moment, doch dann fährt er weiter, und wir können ihn nicht stoppen. Wir können ans Zugende rennen und dann durch das Fenster im letzten Wagen auf die Gleise blicken: Das Schöne ist immer noch da, aber es liegt hinter uns, und wir können nicht zurück.“ (506)
In „Wo wir waren“ geht es um die rastlose Suche nach etwas Unbestimmtem – Norbert Zähringers Roman führt uns beinahe um die ganze Welt und sogar ins All – und letztendlich geht es darum, dass wir es manchmal selbst in der Hand haben, dieser Suche ein Ende zu setzen.
Aber eins muss ich doch noch loswerden: Es gibt keinen Amarillenschnaps, nur Marillenschnaps und Amaryllis, woraus aber never ever Schnaps gebrannt wird.

Norbert Zähringer: Wo wir waren
erschienen am 12. März 2019
www.rowohlt.de

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