Jackie Thomae: Brüder

„Stell dir vor, du musst zurück auf null.“ – Jackie Thomae erzählt von zwei Brüdern, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Michael, genannt Mick und Gabriel haben so gut wie keine Gemeinsamkeiten – bis auf ihren Vater Idris und ihre Hautfarbe, denn Idris ist Afrikaner, der in den 60er Jahren in die DDR kam, um dort Medizin zu studieren. Während dieses Aufenthaltes schwängerte er zwei Frauen: Monika, die im Frühling 1970 Mick zur Welt brachte und Gabriele, deren Sohn Gabriel einige Monate später zur Welt kam.
Wir begleiten zunächst Mick, einen Hedonisten, der in den Tag hineinlebt, mit zwei Kumpels eine Bar betreibt – und alle drei haben keine Ahnung davon, wie das mit den Steuern und einem Gewerbe so funktioniert. Mick liebt Delia und viele andere Frauen, aber mit Delia ist er zusammen, weil die beiden ein gemeinsames Erlebnis, das mit großer Gefahr verbunden war, zusammengeschweißt hat. Verantwortung übernimmt Mick nicht gerne: „Ginge es nach ihm, würde der beflissene Andi ihm nach wie vor das Bargeld aus der Bar vorbeibringen, während sich um die Altlasten und den Amtskram ausschließlich Fabian kümmerte.“ (164)
Die Konsequenz aus seiner Weigerung, „erwachsen“ zu werden, spürt er unmittelbar nach der Jahrtausendwende: „Und so hatte Mick an seinem dreißigsten Geburtstag das frustrierende Gefühl, gemocht, aber nicht ernst genommen zu werden. […] Seine anderen Gäste benahmen sich wie immer. Also stürzte er sich auf sie, zückte sein Telefon und bestellte mehr von ihnen. Dings und Soundso sollten schnellstens ins Taxi springen und hierherkommen. Die und die und der und die, die mit dem zusammen war, wo sind die? Unterwegs? Super!“ (165)
Delia, die seinen Lebenswandel einschließlich sämtlicher Affären mehrere Jahre lang akzeptiert, fällt jedoch die Entscheidung, Mick zu verlassen, nachdem sie zufällig von seiner Mutter erfährt, dass er ihr etwas verheimlicht hat… Und plötzlich steht der nonchalante Tunichtgut alleine da: „Stell dir vor, du musst zurück auf null. Stell dir vor, dass alles, was dein Leben ausgemacht hat, nicht mehr existiert. Stell dir vor, du wirst gleichzeitig obdachlos, erwerbslos und partnerlos. Stell dir vor, du bist erst dreißig und hast die beste Zeit deines Lebens bereits hinter dir, was dir erst jetzt bewusst wird. Stell dir vor, niemanden interessiert das. Was würdest du tun?“ (176)
Doch Mick wäre nicht Mick, wenn er nicht immer wieder dazu in der Lage wäre, sich neu zu erfinden…
Gabriel ist nur wenige Monate jünger als sein Halbbruder, aber ein völlig anderer Mensch. Zielstrebig und leistungsorientiert, hat er Karriere als Architekt gemacht. Er lebt mit seiner Frau Fleur und ihrem gemeinsamen Sohn Albert in London, wo sich eines Tages ein ungeheuerlicher Vorfall ereignet, der auch Gabriel an einen Nullpunkt katapultiert. Schuld ist ein Haufen Hundescheiße.
Die Geschichte um Gabriel ist nahezu in der Jetztzeit (2017) angesiedelt. Anhand zahlreicher Rückblenden aus Sicht von Gabriel und Fleur wird aufgezeigt, wie sich das Leben des sonst so beherrschten Mannes, der schließlich doch die Fassung verliert, entwickelt hat.
Er selbst erinnert sich an die Zeit um die Jahrtausendwende, als er mit seinem Kollegen ein Architekturbüro eröffnete, folgendermaßen: „Erstens wurden wir von Studienkollegen zu Freunden. Zweitens versetzten uns unsere Kater in einen Zustand aus Frust und Größenwahn, aus dem heraus wir uns schließlich selbstständig machen mussten. Wir waren Ende zwanzig und hatten das Gefühl, die Zeit rase an uns vorbei. In Wahrheit waren wir es, die rasten.“ (240)
Während die Hautfarbe bei Mick kaum eine Rolle spielt, erlebt Gabriel ausgerechnet im weltoffenen London, dass es eben doch eine Rolle spielt, wie hell oder dunkel die eigene Haut ist. In einer Rückblende erinnert er sich an den „Hautfarbenstress“ (253), den er mit seiner Ex-Freundin Sybil erlebte, die genau wie er einen dunkelhäutigen und einen hellhäutigen Elternteil hatte. In einem Streit bezeichnet sie ihn als „Oreo“ und er ärgert sich darüber, dass sie ständig ihre Hautfarbe zum Thema macht: „Ich hatte zuerst Orpheo verstanden und gedacht, Sybil würde Orpheus und Othello verwechseln, bis ich verstand, dass sie mich als schwarzen Keks mit weißer Füllung beschimpfte. Ich, der Möchtegernweiße, kämpfte fast täglich gegen etwas, das sie als Wahrheit betrachtete und ich als Paranoia. […] Stimme, Haare, Haut, Seele. Unsere gemeinsame Hautfarbe legte sich über jedes Thema und verwandelte es in ein Streitthema.“ (252)
Das Ausfüllen eines Formulars beim Arzt treibt ihn beinahe in den Wahnsinn, denn er sieht sich gezwungen, seine genaue Hautfarbe anzukreuzen.

Mick und Gabriel, zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind doch Brüder. Wir lernen auch Indris kennen, der als Arzt in seine Heimat zurückgekehrt ist, um dort ein Krankenhaus zu eröffnen.
Jackie Thomae erzählt sprachlich herrlich lässig und inhaltlich spannend von der unterschiedlichen Entwicklung zweier Männer. Das Thema Hautfarbe spielt bei Mick so gut wie keinerlei Rolle, bei Gabriel schon, aber vor allem dadurch, dass es von einer außenstehenden Instanz dazu gemacht wird. Das Buch ist großartig erzählt und hat mich wunderbar unterhalten. „Brüder“ gehört zu meinen Shortlistfavoriten.

Jackie Thomae: Brüder
erschienen am 19. August 2019
www.hanser-literaturverlage.de

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