Ein unvergesslicher Abend im Regensburger Audimax

„Und sie umarmt den Musikanten, weil er ein rotes Mündchen hat.“ – Beethovens und Tolstois Kreutzersonate bei den Odeon Concerten

Eigentlich müsste Beethovens im Jahr 1802 komponierte Violinsonate Nr. 9 „Bridgetowersonate“ heißen und nicht „Kreutzersonate“, doch einer Anekdote zufolge soll der Geiger George Bridgetower, dem das Stück ursprünglich gewidmet war, sich nach der Uraufführung despektierlich gegenüber einer jungen Frau geäußert haben, was Ludwig van Beethoven derart verärgerte, dass er die Sonate dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer widmete, der das Stück nie spielte, es sogar für unspielbar hielt.
80 Jahre später – da waren Beethoven, Bridgetower und Kreutzer schon lange tot – inspirierte das Stück für Pianoforte und Violine Lew Tolstoi dazu, eine Novelle zu schreiben, in der die Kreutzersonate eine Schlüsselrolle spielte und die sogar den gleichen Namen trug wie Beethovens Kammermusikstück.
Werke von Beethoven und Tolstoi, zwei der größten Künstler des 19. Jahrhunderts, stehen im Mittelpunkt eines literarisch-musikalischen Programms anlässlich des Beethovenjahres 2020.

Am Dienstag gastierten der Schauspieler Sebastian Koch und die beiden Musiker Anna Buchberger (Klavier) sowie Erik Schumann (Violine) mit der Kreutzersonate im Regensburger Audimax.
Der Abend war ein dramaturgisches Meisterwerk, bei dem die Rezitationen aus Tolstois Novelle mit Beethovens Sonate virtuos miteinander verflochten wurden.
Sebastian Koch, einer der bekanntesten deutschen Schauspieler, der bereits an der Seite von John Malkovitch, Liam Neeson, Catherine Deneuve und Gérard Depardieu spielte und u.a. mit dem Deutschen Fernseh- und dem Grimmepreis ausgezeichnet wurde, beeindruckte durch eine ausgesprochen lebendige und facettenreiche Erzählweise – es war eher ein Stück, das er darbot und nicht nur eine Rezitation. Er schlüpfte in die Rolle Posdnyschews, der seine Geschichte erzählt, die um die Liebe, oder vielmehr um das, was er dafür hält, kreist. Im Alter von 30 Jahren beschließt er zu heiraten, nachdem er eine Zeit der sexuellen Ausschweifungen erlebt hat, obwohl er die körperliche Liebe stets für tierisch und verwerflich gehalten hatte. Eindrucksvoll brachte Sebastian Koch diese Abneigung des Protagonisten gegen jegliche Lust zum Ausdruck. Bald wird klar, dass Posdnyschew ein Verbrechen begangen hat, das er keineswegs bereut, sondern immer noch rechtfertigt: er ist der Mörder seiner Frau. Nachdem sie fünf Kinder zur Welt gebracht hat, kann sie aus gesundheitlichen Gründen keine weiteren gebären und der Erzähler ringt mit seiner Abneigung gegen den Gedanken, dass es sinnliche Lust ohne den Willen zur Fortpflanzung überhaupt geben kann. Als schließlich ein Geiger ins Haus kommt, der vom Erzähler meistens nur als „Mensch“ bezeichnet wird, um mit seiner Klavier spielenden Frau zu musizieren, verliert Posdnyschew schließlich die Kontrolle…
Sebastian Koch verkörperte die Rolle des vor Eifersucht rasenden Ehemannes, der sämtliche Emotionen von Trauer (vor allem angesichts des eigenen Schicksals), über Verachtung bis hin zur völlig unkontrollierten Wut, die in der Ermordung der Ehefrau gipfelt, derart überzeugend, dass einem als Zuseher oft der Atem stockte. Im Audimax herrschte gespannte Stille, in die der Schauspieler, an einem Tisch mit grüner Bankerleuchte sitzend, hineinsprach.

Den Rahmen bildete Beethovens Kreutzersonate, die von Anna Buchberger (Klavier) und Erik Schumann (Violine) brillant interpretiert wurde. Der furiose erste Satz leitete den Abend ein und der Auftakt der Sonate wurde später, als er in der Novelle im Mittelpunkt stand, wiederholt.

Es ist ein großer Glücksfall, dass drei derart erstklassige Künstler gemeinsam einen literarisch-musikalischen Abend gestalten, der seinesgleichen sucht. Was für ein Erlebnis!
Und wieder einmal bestätigte sich, dass die Künstler, die im Rahmen der Odeon Concerte in Regensburg gastieren, Weltspitze sind.

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