Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

„Die haben eine verrückte Tochter, die sich Infantin nennt. Eine Kronprinzessin, die lauter rülpst als jeder dahergelaufene Stallbursche.“ – Helena Adler erzählt von einer Adoleszenz in der österreichischen Provinz
Helena Adler, geboren 1983 in einem Opel Kadett und auf einem Bauernhof im Salzburger Land aufgewachsen, studierte Psychologie und Philosophie in Salzburg und Malerei am Mozarteum. Adler arbeitet assoziativ. Ihre Kapitel tragen die Namen von Gemälden, etwa von Pieter Bruegel dem Älteren („Der Triumph des Todes“, „Jäger im Schnee“, „Kinderspiele“), Yves Klein („Monochromes Blau“), Franz Marc („Tierschicksale“) und Hieronymus Bosch („Der Garten der Lüste“).
Wir betreten ihr Werk also gewissermaßen wie eine Gemäldegalerie: „Nehmen Sie ein Gemälde von Pieter Bruegel. Nun animieren Sie es.“
Ihre bildgewaltigen Beschreibungen entfalten eine derartige Wucht, dass die Lektüre einen förmlich umhaut. Im positiven Sinne natürlich. Es geht um die Kindheit und Jugend eines Mädchens, das zur Frau wird. Sie wächst auf in einer Umgebung, die ihr fremd und in der sie selbst ein Fremdkörper ist: „Ich möchte mit Rilke, John Steinbeck und Samuel Beckett vögeln. Nein, ich will von ihnen gevögelt werden. Ich will meinen Schwestern einen Testflug ins Weltall spendieren. Ohne Rückfahrticket. Ich will die Schwestern zur Ernte am Watschenbaum zwingen. Ich möchte meinen Namen auf Infantin ändern. Und den der Schwestern auf Wolpertinger. Ich möchte unseren Stammbaum fällen, die einzelnen Äste mit der Axt zerteilen und mit fremden Ästen veredeln.“
In ihrer Beschreibung des rohen Landlebens erinnert ihr Stil an Josef Winkler und Herta Müller. Verstorbene Haustiere möchte die Protagonistin würdevoll verabschieden: „In diesem Sommer beerdige ich drei Enten, eine Ziege und meine Kindheit. Der Vater hebt die Gräber aus, um meine hysterischen Heulkrämpfe zu lindern. Sonst pflügt er die toten Tiere immer mit dem Steyr-Traktor unter.“
Die Beziehung der Eltern ist nicht von Liebe geprägt, sondern von der Notwendigkeit, nun mal einen Partner zu haben und mit diesem Kinder zu bekommen: „Der Vater hat die Mutter durch die Heirat aus ihrer Misere befreit und in eine neue geführt. Darin haben sie sich alleine gelassen, denn zwei geschlagene Tiere können sich nicht gegenseitig streicheln.“
Mit einer kranken Mutter und den verhassten Zwillingsschwestern hat die „Infantin“ es nicht leicht. Und als der Vater im Gefängnis landet, wird die Familie mit der aus der Art geschlagenen Tochter endgültig marginalisiert. Doch die junge Frau schafft es trotzdem, in ihre eigene Welt hineinzuwachsen, die eine andere ist als diejenige ihrer Umgebung.
Helena Adlers Sprachgewalt muss man mögen, sonst wird es schwer, einen Zugang zur Geschichte der „Infantin“ zu finden. Ich empfehle, in den Text hineinzulesen. Wer assoziativ-poetische Bilder und den Charme der Rohheit mag, so wie ich, wird den kurzen Roman lieben.
Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links
erschienen am 1. März 2020

 

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