Jia Tolentino: Trick Mirror. Über das inszenierte Ich

„Während wir früher die Freiheit hatten, online wir selbst zu sein, waren wir nun online an uns selbst gekettet“ – Jia Tolentino schreibt über die tägliche Darstellung des Selbst im Internet

„Trick Mirror“ ist eines der klügsten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Tolentino, 1988 in Kanada geboren, reflektiert darin sich selbst und die Millenialgeneration. Sie beschreibt Dynamiken der Selbstentfremdung und der Beeinflussung des Offline-Lebens durch das Internet. Beispielhaft greift sie die Gamergate- und die Pizzagate-Bewegungen auf, die in den sozialen Medien Hass schürten und auch maßgeblich zum Erfolg Donald Trumps bei der US-Wahl 2016 beitrugen. In ihren neun Essay setzt sich die Autorin u.a. mit den Fragen auseinander: „Wie kommt es, dass eine enorme Zahl von Menschen mittlerweile einen großen Teil ihrer immer spärlicheren Freizeit in einer offenkundig sadistischen Umgebung verbringt? Wie wurde das Internet so schlecht, so einengend, so unentrinnbar persönlich, so bestimmend für das Politische – und warum meinen all diese Fragen dasselbe?“ (25) Antwortansätze sieht Tolentino in folgenden Bereichen: „Erstens: Wie das Internet aufgrund seiner Beschaffenheit unser Identitätsgefühl aufbläht; zweitens, wie es uns dazu anstachelt, unsere eigene Meinung überzubewerten; drittens, wie es unseren Widerstandssinn maximiert; viertens, wie es unser Verständnis von Solidarität mindert; und schließlich, wie es unser Gefühl für das richtige Maß zerstört.“ (26)
Anhand bereits bekannter Theorien, etwa Goffmans Theatermetapher, die hervorragend auf das Internet angewendet werden kann und der Aufmerksamkeitsökonomie (u.a. Tim Wu), zeigt sie auf, wie die Strukturen im Netz Missbrauch Tür und Tor öffnen und nicht dazu führen, dass wir online das Offline-Leben reflektieren, sondern es generieren.
Im zweiten Essay, „Mein Reality-TV-Ich“ erzählt sie von ihrer ganz persönlichen Erfahrung als jugendliche Teilnehmerin der Reality-TV-Show „Girls vs. Boys: Puerto Rico“. Darin traten Mädchen in diversen (oft entwürdigenden) Wettbewerben gegen Jungen an. Der Drehort war eine Insel, auf der die gecasteten Jugendlichen in ganz bestimmte Rollen gepresst und teilweise stark traumatisiert wurden. Es wurden Mobbingdynamiken entwickelt und gefördert, die einige Teilnehmer*innen noch viele Jahre nach dem Dreh mitnahmen. In Gesprächen mit ihren ehemaligen Mitstreiter*innen und im Rahmen einer ehrlichen Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Motivation, an der Show teilzunehmen, reflektiert Tolentino die Vermarktung von Menschen – und ihre Folgen.
In weiteren Essays geht es um – insbesondere weibliche – Selbstoptimierung, um weibliche Identität in der Literatur, um Kirche und Religion (Tolentino ist in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen), um Betrugsmaschen im 21. Jahrhundert – etwa den Skandal um das geplatzte Fyre Festival -, um die mediale Aufarbeitung von Vergewaltigungen sowie um den „Kult um die schwierige Frau“. Zuletzt setzt sich die Autorin mit dem Thema Ehe auseinander. In „Ja, ich will (dich fürchten)“ erzählt sie eine kleine Kulturgeschichte der Hochzeit und der Ehe und wir können lernen, welche Rolle die Hochzeitsindustrie spielt und inwiefern es immer noch um Besitz geht, wenn wir von der Ehe sprechen. Ursprünglich trugen nur Frauen den Ehering – den Ringtausch gab es erst ab dem Zweiten Weltkrieg: „Im Kriegskontext erschien der männliche Ehe-Ring jedoch logisch: Mit einem Ehering konnten Männer den Ozean überqueren und ein Andenken an Ehefrau, Land und Heimat bei sich tragen. Schnell war die Tradition erfunden, bei der Braut und Bräutigam während der Zeremonie Ringe tauschten. In den Fünfzigern war es bereits so, als hätte es die Doppelringzeremonie seit Anbeginn der Zeit gegeben.“ (324 f.).
Ich habe Tolentinos Essays mit großem Vergnügen gelesen. Wer auf der Suche nach einer intelligenten und gleichzeitig unterhaltsamen Auseinandersetzung mit dem Internetzeitalter ist, sollte dringend „Trick Mirror“ lesen.

Jia Tolentino: Trick Mirror. Über das inszenierte Ich
www.fischerverlage.de
erschienen am 24. Februar 2021

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.