Rezension: „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“ von Volker Weidermann

„In Wirklichkeit ist bloß in allen eine ewige Ungeduld nach Frieden“ oder Die Novemberrevolution und die Münchner Räterepublik

Dass das CSU-regierte Bayern mal sozialistisch war, kann sich heute kaum noch jemand vorstellen, doch vor ziemlich genau 100 Jahren waren tatsächlich Künstler an der Macht, die von Frieden und Gerechtigkeit träumten und Walt Whitmans Poesie zum Pflichtstoff in den Schulen erklären wollten. Wie kam es dazu und warum endete das Ganze in einem blutigen Fiasko?
Heute jährt sich Kurt Eisners Ermordung durch den Attentäter Anton Graf von Arco auf Valley zum 99. Mal. Der Journalist und Theaterkritiker Eisner war im Zuge der Novemberrevolution 1918 vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neu entstandenen bayerischen Republik ernannt worden. Gemeinsam mit dem blinden Bauernführer und USPD-Politiker Ludwig Gandorfer führte er am 7. November einen Demonstrationszug durch die bayerische Landeshauptstadt und rief in der Nacht zum 8. November im Mathäserbräu schließlich den Freistaaat Bayern aus. Die über 900 Jahre währende Herrschaft der Wittelsbacher war damit beendet. Der Erste Weltkrieg endete am 11. November 1918 mit dem Waffenstillstand von Compiègne. Alle Zeichen schienen auf Frieden zu stehen. Doch das bayerische Volk wollte keinen Künstler an der Spitze der Regierung. Bei den Landtagswahlen am 12. Januar 1919 musste Eisners Partei, die 1916 gegründete USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), sich mit erschütternden 2,5% der Stimmen abfinden. Eisner konnte diese Niederlage kaum fassen und blieb zunächst noch an der Spitze der provisorischen Regierung. Am 21. Februar wollte er schließlich zurücktreten. Auf dem Weg zum neu gegründeten Bayerischen Landtag, vor dem er seine Rücktrittsrede verlesen wollte, wurde er schließlich erschossen. Nach dem Provisorium unter Eisner – während seiner Regierung hatten sowohl eine parlamentarische als auch eine Rätedemokratie existiert – soll endlich Klarheit geschaffen werden. Doch die parlamentarisch gewählte Regierung unter Johannes Hoffmann muss nach Bamberg ausweichen, während am 7. April 1919 in München die Räterepublik ausgerufen wird, die von anarchistischen und pazifistischen Intellektuellen wie Ernst Toller (als Nachfolger Eisners), Erich Mühsam und Gustav Landauer, später von Mitgliedern der Kommunistischen Partei, etwa Eugen Leviné, Max Levien und Rudolf Egelhofer, dominiert wurde.
Der Traum von einem von Künstlern regierten Freistaat endete ein halbes Jahr nach der Ausrufung des Freistaats Bayern in einem Alptraum. Um diese Zeitspanne – von November 1918 bis zum Frühling/Sommer 1919 – geht es in Volker Weidermanns Buch „Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen“.
Weidermann erzählt darin die Geschichte der Novemberrevolution und der Räterepublik aus der Perspektive verschiedener Menschen der damaligen Zeit. Dabei geht es nicht nur um die Männer, die tatsächlich an der Macht waren oder etwas zu sagen hatten und der Münchner Bohème angehörten – etwa Eisner, Toller, Landauer, Mühsam, Graf und Co., sondern auch um Personen, die nicht unmittelbar in die politischen Geschehnisse involviert waren, etwa Rilke, Thomas und Klaus Mann und Hitler. Auf diese Weise erhält der Leser auch Einblicke in das Erleben konservativer Kreise, die das Ende der Räterepublik begrüßten, so wie Thomas Mann. Es ist kein sehr sympathisches Bild, das man in diesem Zusammenhang von ihm erhält. Während die Künstler in der Innenstadt eine friedliche Revolution über die Bühne bringen, fürchtet der konservative Mann in seiner Villa in Bogenhausen um seine Pfründe:

Der Hausherr bereitet sich innerlich auf das Schlimmste vor. Im Liegen tauchen Bilder von Revolutionstribunal und Hinrichtung vor seinem inneren Auge auf. Er notiert: „Kommt es so extrem, so ist es nicht unmöglich, daß ich infolge meines Verhaltens im Kriege erschossen werde.“ Und für den Fall, dass es nicht zum Äußersten kommt, hat er auch schon ein paar gute Sätze zurechtgelegt: „Ich nahm mir für solchen Fall vor, zu sagen: ‚Hört, ich bin weder ein Jude noch ein Kriegsgewinnler, noch sonst etwas Schlechtes, ich bin ein Schriftsteller, der sich dies Haus von dem Gelde gebaut hat, das er mit seiner geistigen Arbeit verdient. In meiner Schublade hab ich 200 Mark, ich schenke sie euch, teilt sie und macht mir dafür meine Sachen und Bücher nicht entzwei.'“ Thomas Mann wollte mit den Revolutionären also wie mit einer Gruppe antisemitischer kameradschaftlicher Handwerker reden. Zu seinem Glück kam es nicht dazu, dass er seinen Spruch und seine kleine Summe an den Mann hätte bringen müssen. Das mit dem Haus stimmte auch nicht so ganz, das hatte vor dem Krieg die mit dem reichen jüdischen Mathematikprofessor Alfred Pringsheim verheiratete Schwiegermutter bezahlt, das machte ja sein Verhältnis zu ihr so heikel, vor allem, weil sie seine deutschnationale, kriegsbegeisterte, antidemokratische Einstellung überhaupt nicht teilte. (S. 49f.)

Es waren große Pläne, die die Künstler hatten. Manche von ihnen waren einfach nur Verrückte, oder sind es aufgrund der Überforderung durch ein politisches Amt geworden, etwa der „Volksbeauftragte für äußere Angelegenheiten“, Dr. Franz Lipp:

Auch der amerikanische Reporter Hecht staunt über Dr. Lipp. Er berichtet, Lipp habe alle Telefonverbindungen in seinem Dienstzimmer gekappt. Er habe eine Klingelphobie, das Läuten eines Telefons bewirke bei ihm eine Art Epilepsie, so Hecht. Aber er telegrafiert ja ohnehin lieber, als zu telefonieren. Nach einiger Zeit melden sich die Kontrollbeamten des Telegrafenamtes bei Toller mit der Frage, ob sie das wirklich alles weiterschicken sollen, was der Außenbeauftragte da so in die Welt telegrafieren lasse. Ihnen liegt ein weiteres Telegramm an den Papst vor, in dem Dr. Lipp sich beklagt, dass der exilierte Regierungschef Hoffmann den Abortschlüssel seines Ministeriums nach Bamberg mitgenommen habe und dass der Republik durch „die haarigen Gorillahände Noskes“ Gefahr drohe.“ (172 f.)

Auch Silvio Gesells „Schrumpfgeldtheorie“ galt als Verrücktheit – in Zeiten von negativen Zinsen vielleicht aber gar nicht mehr so sehr.
Volker Weiderman gelingt es, die Zeit der Umstürze in München lebendig werden zu lassen. Als Leser, der die an der Revolution beteiligten im Laufe des Buches näher kennenlernt, geht einem die blutige Niederschlagung der Münchner Räterepublik besonders nahe. Der Palmsonntagsputsch, der „rote“ und vor allem der „weiße Terror“, dem hunderte Menschenleben zum Opfer gefallen sind – Volker Weidermann erzählt auch vom Alptraum, der den Traum der „Träumer“ schließlich beendete. Tollers Flucht, Gustav Landauers grausame Ermordung, aber auch die Erschießung von Angehörigen der rechten „Thule-Gesellschaft“ im Luitpold-Gymnasium – es war ein blutiger Frühling im Jahr 1919. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Zeit der großen Pläne, die nicht in die Tat umgesetzt werden konnten. Dafür reichte die Zeit schlichtweg nicht aus. „In Wirklichkeit ist bloß in allen eine ewige Ungeduld nach Frieden“ (184), hatte Oskar Maria Graf einst konstatiert. Dass die Sache letztendlich doch in einer Gewaltorgie ausartete, ist angesichts der ursprünglich friedliebenden Revolutionäre zutiefst tragisch.
Volker Weidermanns „Träumer“ ist eine Lektüre, die ich geschichtlich und literarisch Interessierten nur ans Herz legen kann.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen
erschienen am 9. November 2017
www.kiwi-verlag.de

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