Rezension: „Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

„Wir sind die Besiegten – und wir sind Tausende. Wir suchen einen Weg.“

Endlich ist die Fortsetzung des großen französischen Gesellschaftsromans da: Vernon Subutex 2. Virginie Despentes, die im ersten Band vom Absturz des ehemaligen Plattenladenbesitzers erzählt hat, führt die Geschichte um den Gescheiterten nun fort. Ganz unten angekommen, richtet er sich ein in seinem neuen Dasein. Erstaunlicherweise fühlt er sich als Obdachloser unter freiem Himmel erstaunlich wohl. Eine Art Wahnsinn hat von ihm Besitz ergriffen. Immer wieder driftet er ab. Vernon hat ein neues Zuhause im Parc des Buttes-Chaumont gefunden und kommt zurecht. Er hat mittlerweile einige Freunde unter den Obdachlosen und endlich weicht der Druck der Leistungsgesellschaft von ihm. Er braucht keine Rechnungen mehr zu fürchten und keinen Rauswurf. Das liegt alles bereits hinter ihm. Doch seine Freunde von früher sehen das ganz anders. Sie haben ein schlechtes Gewissen, seit sie erfahren haben, dass einer von ihnen auf der Straße lebt. Ein Kreis rund um den Ex-Porno-Star Pamela Kant und mehrere von Vernons Freunden sowie die „Hyäne“, die eigentlich hinter den Videokassetten her ist, die der Rockstar Alexandre Bleach seinem Freund hinterlassen hat, machen sich auf die Suche nach dem Gestrandeten. Als sie fündig werden, sind sie zunächst entsetzt: Vernon ist heruntergekommen, riecht unangenehm und scheint seine Sprache verloren zu haben. Sie duschen ihn, geben ihm etwas zu essen und bieten ihm ein Dach über dem Kopf an – doch das lehnt er ab. Mittlerweile beengen ihn Innenräume. Er kehrt zurück in den Park. Und wenn einer aus der Gesellschaft austritt und keinen Wert darauf legt, wieder Teil von ihr zu werden, muss die Gesellschaft eben zu ihm kommen… Die Freunde treffen sich fortan im Park, sammeln sich um Vernon wie um einen Guru. Ab und an legt er auch in der Bar „Le Rosa Bonheur“ auf, in der sich die Freunde vorher getroffen hatten, um die Suche zu organisieren. Und als es zu kalt wird in Paris und auch noch einer aus dem Kreis um Vernon getötet wird, verlagert sich der Lebensmittelpunkt des ehemaligen Plattenladeninhabers auf die Insel Korsika – und alle folgen ihm…
Was für ein Buch Virginie Despentes den Lesern wieder einmal um die Ohren haut! Sie erzählt erbarmungslos und rasant von einer Gesellschaft, der man tatsächlich nicht angehören möchte. Konkurrenzdruck und Überforderung, Wertewandel und das gnadenlose Diktat des Profits prägen die Welt, an der viele zerbrechen. Besonders beeindruckend fasst Alex Bleach das in seinem Abschiedsvideo zusammen:

„Keine ethische Frage durfte den Profit behindern. Das war überholt. Wer nicht mit den Wölfen heulte, war zurückgeblieben. Alles, was wir geliebt hatten, wurde verwüstet. Zerstören geht schnell, das kann jeder. Los, los, noch eine Seite mit Werbung, eine Subvention, zwei Sponsorings, und dann hängt ihr mir noch eine kleine Partnerschaft an, total abseitig, damit ich die Leine spüre, wenn ich rennen will!“ (133)

Und:

„Anpassungsfähigkeit ist an sich nichts Schlechtes. Alles hängt von dem System ab, dem du dich anpasst, von dem, was es verlangt. Aus Gehorsam wird bald die Fähigkeit, den Kopf abzuwenden, wenn du am Schlachthof vorbeikommst … hast du darüber schon mal nachgedacht, Vernon? Wie viele menschliche Einheiten könnte man an einem Tag vernichten, so modern, wie die Fleischfabriken heutzutage sind? Und erzähl mir nicht, an dem Tag, wo jemand die Hightech-Beseitigung von Menschenkörpern an Illegalen und Obdachlosen ausprobiert, wird man mit alldem aufhören und sagen, das sei unerträglich. Seit Jahren erleiden wir die Regierungsgewalt. Wir benehmen uns wie die geprügelten Frauen, die man in Dokumentarfilmen sieht: Vor lauter Panik haben wir die Grundregeln des Überlebens verlernt.“ (144)

Es geht um Macht und Gewalt – verkörpert durch den skrupellosen Produzenten Laurent Dopalet, der angeblich die Ex-Pornodarstellerin Vodka Satana auf dem Gewissen haben soll, was Alex Bleach wusste, weshalb Dopalet nun hinter den Videobändern her ist, auf denen der Rockstar seine Vorwürfe formuliert.
Wieder begleitet Despentes verschiedene Figuren: Emilie, die chronisch unzufrieden mit sich und der Welt ist, den Säufer Charles, der seine Tage mit den Obdachlosen verbringt und ein großes Geheimnis hütet, Xavier, der am Ende von Band 1 Opfer eines Angriffs geworden ist und nun wieder seinen Weg zurück ins Leben sucht, Aicha, ein junges Mädchen, das ihre Erfüllung in der (islamischen) Religion sucht und ihre Mutter rächen will, Céleste, die in der Bar arbeitet, in der sich die Freunde treffen, aber eigentlich davon träumt, Tätowiererin zu werden, Loic, der seinen ehemaligen Freund vermisst und schließlich von ihm umgebracht wird … und natürlich Vernon Subutex.
Es sind Angehöriger verschiedener Milieus und Schichten, die aufeinander treffen oder auch nicht. Auf alle Fälle ist es wieder ein unheimlich starker Stoff, dem man sich nur schwer entziehen kann. Man kann gespannt sein auf Band 3, der im Herbst erscheinen wird.

Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex 2
erschienen am 15. Februar 2018
www.kiwi-verlag.de

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