Rezension: „Der neue Chef“ von Niklas Luhmann

Unentbehrlich und störend oder Der Chef, das unbekannte Wesen

Niklas Luhmann (1927-1998) ist der bekannteste deutschsprachige Vertreter der Systemtheorie. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften und arbeitete anschließend acht Jahre lang als Verwaltungsbeamter in Lüneburg und anschließend als Assistent des Präsidenten des Oberverwaltungsgerichts. In dieser Zeit dürfte er so manche Cheferfahrung gesammelt haben.
„Der neue Chef“ ist eine kleine Aufsatzsammlung, die 2016 postum erschienen ist. Es ist kein Ratgeber, sondern eine Auseinandersetzung mit einem äußerst interessanten soziologischen Thema, das Luhmann anhand verschiedener Grundbegriffe wie „Rolle“, „informelle Kommunikation“, „Hierarchie“ und „Macht“ aufrollt. Es geht auch nicht nur um den Chef, sondern generell um die Verwaltung.
Enthalten sind die Aufsätze:
Der neue Chef
Spontane Ordnungsbildung
Unterwachung oder Die Kunst, Vorgesetzte zu lenken
Ein Nachwort des Herausgebers der FAZ, Jürgen Kaube, bildet den Abschluss.
Luhmann, der sich insbesondere in den 1960er Jahren mit der Organisationssoziologie auseinandergesetzt hat, bei der es um Strukturen in Organisationen geht, entwickelt in den vorliegenden Aufsätzen den Versuch einer Ethnographie der Verwaltung, insbesondere im Hinblick auf einen (neuen) Chef. Was passiert, wenn ein neuer Vorgesetzter seinen Dienst antritt? Wieso geht ein Chefwechsel mit einer derartigen Verunsicherung einher? Was macht den Chef zum Chef? Und wer ist der Chef – neben seiner Rolle als Chef – noch? Diesen und vielen weiteren Fragen widmet sich Luhmann. Besonders interessant fand ich dabei die spontane Ordnungsbildung in der Verwaltung. Hier wird u.a. aufgezeigt, welche sozialen und emotionalen Entbehrungen der Einzelne in der Arbeitswelt erleidet. Das Selbstdarstellungsinteresse eines Menschen spielt keine Rolle, da es primär um eine spezifische Leistung geht, die erbracht werden muss. Dies führt nicht selten zur Entfremdung. Auch Kommunikationsschwierigkeiten, Probleme bei der Rollenfindung sowie divergierende Wertvorstellungen werden thematisiert.
Im dritten und damit letzten Aufsatz, beschäftigt sich Luhmann mit dem Phänomen der „Unterwachung“. Dabei geht es darum, dass Untergebene den Vorgesetzten manipulieren können. Die vielfältigen Machtbeziehungen werden ausführlich diskutiert.
Luhmann bietet Denkanstöße, die dazu beitragen können, das System „Verwaltung“ und Mechanismen der Macht zu verstehen. Es geht nicht um „Tricks“, wie man den neuen Chef am besten manipulieren kann, obwohl sich aus dem Gelesenen schon einiges in der Richtung entwickeln lässt. Vielmehr unternimmt der Verfasser den Versuch, zu erklären, wie das System Verwaltung funktioniert und was passiert, wenn ein neuer Vorgesetzter auf den Plan tritt.
„Der neue Chef“ ist eine interessante Lektüre, die einige Aha-Erlebnisse bereithält. Dabei muss man nicht einmal zwangsläufig in der Verwaltung arbeiten oder Chef sein.

Niklas Luhmann: Der neue Chef
erschienen am 7. März 2016
www.suhrkamp.de

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