Rezension: „Wohnblockblues mit Hirtenflöte. Rumänien neu erzählen“ von Michaela Nowotnick und Florian Kührer-Wielach

So nah und doch so fern – Literarisches Porträt eines wenig bekannten EU-Landes

Das Rumänien der 80er Jahre ist mir vertraut. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Auf dem Land, zwischen Pferdewägen und riesigen Feldern im Banat und in den Gärten und Wäldern Siebenbürgens, wo meine Großeltern lebten. Ich kannte auch einige Städte – Temesvar, Arad, Sibiu und Cugir zum Beispiel. Seit 1990 war ich nicht mehr in Rumänien, aber ich weiß natürlich, dass sich vieles geändert hat.
Rumänien lässt viele Deutsche zunächst an Armut denken, an triste Plattenbauten und Klebstoff schnüffelnde Kinder. Vielleicht noch an einen Diktator, der gemeinsam mit seiner Frau an die Wand gestellt wurde. Um Weihnachten rum. Und dann gibt es noch das andere Rumänien, das vorzugsweise in Dokus über Siebenbürgen gezeigt wird. Schmucke Dörfer und Dracula-Merchandising, unendliche Wälder mit echten Bären – das volle Touristenprogramm eben. Dass Rumänien etwas mit Deutschland zu tun haben soll, wissen nicht viele. Dabei gibt es einen regen kulturellen Austausch, es gibt mehrere deutsche Minderheiten, die aber weitgehend nach Deutschland abgewandert sind. So wie meine Familie und ich. Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger kommen aus Czernowitz, das damals Teil der rumänischen Bukowina war. Die Nobelpreisträgerin Herta Müller gehört der deutschen Minderheit im Banat an.
Natürlich interessiert mich das Land, vor allem dann, wenn es „neu erzählt“ wird, wie der Untertitel verspricht. Wie ist es im 21. Jahrhundert in meinem Heimatland? Eins vorab: Die Texte in dieser Anthologie erzählen nicht alle vom heutigen Rumänien. Es geht auch um die Geschichte des Landes. Etwa um ein Massaker, das kurz vor Weihnachten 1941 im Lager Bogdanowka in der damals rumänischen Bukowina stattgefunden hat. Der rumäniendeutsche Schriftsteller und Filmemacher Friedrich Schuller widmet sich in seinem Text „Bogdanowka Heiligabend“ diesem Ereignis, bei dem mehrere Zehntausend Juden umgebracht wurden.
Es geht um die Vergangenheit und um die Gegenwart. Viele Texte sind sehr persönlich. Dann geht es um die Beziehung zu einem Land, das entweder das Heimatland ist und damit ein wichtiger Teil der eigenen Identität, oder ein Land, zu dem man eine Beziehung aufbaut, so wie Uwe Tellkamp, der im Sommer 2011 Rumänien besuchte und in tagebuchartigen Skizzen von seiner Reise berichtet. Ingo Schulze kommt in einem Interview zu Wort. Er hatte einen Großvater, der in den Zwanziger Jahren wegen des guten Wetters und der Landwirtschaft nach Rumänien gegangen ist, wo er nicht nur seine Frau fand, sondern auch die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte. Mitte der 30er Jahre kehrte er mit Frau und Kind dann doch nach Deutschland zurück.
Die Auswahl, die die Herausgeber Michaela Nowotnick und Florian Kührer-Wielach getroffen haben, ist vielfältig. Neben den zahlreichen Prosatexten findet sich auch Lyrik, etwa von Jan Koneffke, der zeitweise in Rumänien lebt und dessen Roman „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“ ich wärmstens empfehlen kann. Seine Lyrik, die mir bisher noch unbekannt war, hat Charme und Witz.
„Wohnblockblues mit Hirtenflöte“ zeichnet ein abwechslungsreiches Bild von einem in Deutschland immer noch weitgehend unbekannten Land. Es geht um den Rattenfänger von Hameln, der die entführten Kinder nach Siebenbürgen gebracht haben soll, um einen „Stadtnarren“ (Franz Hodjak: Besuche) und um eine alte Klinik (Joachim Wittstock: Sanatorium Doktor Tartler). Sieben Frauen, 13 Männer und eine Katze kommen zu Wort. Mir hat die Mischung sehr gut gefallen! Wer sich Rumänien auf literarischen Pfaden nähern möchte, kommt um diese facettenreiche Anthologie eigentlich nicht herum!

Michaela Nowotnick; Florian Kührer-Wielach: Wohnblockblues mit Hirtenflöte. Rumänien neu erzählen
erschienen am 16. März 2018
www.wagenbach.de

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