Rezension: „Ein schönes Paar“ von Gert Loschütz

Ferne Nähe – Gert Loschütz erzählt von der Trennung eines „schönen Paares“

Gert Loschütz, 1946 im brandenburgischen Genthin geboren, veröffentlichte 1990 einen Roman mit dem Titel „Flucht“. Der Erzähler ist der vierzigjährige Schriftsteller Karsten Leiser, der von der Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik erzählt, die er als Elfjähriger erlebte.
28 Jahre später, im Februar 2018, erscheint der Roman „Ein schönes Paar“, in dem nun der Schriftsteller und Fotograf Philipp Karst zu Wort kommt. Er begibt sich auf die Spur seiner bereits verstorbenen Eltern, die zwar nie geschieden, aber während der meisten Ehejahre getrennt waren. Die Geschichte beginnt mit dem Ende – und nachdem ich den Roman zu Ende gelesen hatte, las ich den Anfang noch einmal, was ich nur empfehlen kann. Zunächst stirbt Philipp Karsts Vater Georg, einen Monat später seine Mutter Herta. Sie gehen beide nicht auf die Beerdigung des anderen, sind aber jeweils doch anwesend.
Herta und Georg sind Trennungsgefährten. Sie können nicht miteinander, aber auch nicht ohneeinander – und ihre Zuneigung zeigen sie sich letztendlich über eine Stadt und einen Fluss hinweg.
Ende der 50er Jahre reist Georg nach Westdeutschland. In Bonn möchte das Verteidigungsministerium den in einem Stahlwerk Tätigen anwerben, doch er lehnt ab. Ein verhängnisvoller Brief zwingt ihn letztendlich dazu, in den Westen zu fliehen, obwohl er das eigentlich nicht möchte, denn in Plothow (ein fiktiver Ort, der bereits in „Flucht“ vorkommt), hat er endlich das Gefühl, angekommen zu sein. Seine schöne Frau Herta hingegen, der man eine Karriere als Mannequin prophezeit hat und die ihr ganzes Leben in der brandenburgischen Provinzstadt zubrachte, möchte weg. Doch bereits als die Flucht geplant wird, ist klar, dass die Beziehung keine Zukunft hat, denn „zwischen ihnen ging ein Dritter, der Abschied“. (60)
Wenige Tage nachdem Georg die DDR verlassen hat, folgt Herta ihm mit dem elfjährigen Philipp und einer Exakta Spiegelreflexkamera, in die sie ihre ganzen Ersparnisse investiert hat. Im April 1957 zieht die Familie ins hessische Tautenburg, wo der Vater eine Arbeit in einer Tuchfabrik findet. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt zur Trennung und im Januar oder Februar 1958 verschwindet die Mutter spurlos. Ein jahrelanges Versteckspiel fängt an, das die Jugend des Erzählers prägt. Für den Vater beginnt damit zunächst die „Verletzungszeit“ (149), die anschließend von einer Phase der Unsicherheit und Unsichtbarkeit abgelöst wird.
Doch viele Jahre später kehrt die Mutter zurück nach Tautenburg. Von Georg bleibt sie aber stets getrennt, durch einen Fluss und eine Stadt.
Gert Loschütz‘ autobiografischer Roman hat mich sehr berührt. Leise und intensiv erzählt er von Verfehlungen und vom Abschied, von Liebe und von Einsamkeit. Das Schweigen des Vaters, das Versteckspiel der Mutter, der Alterungsprozess der Eltern – Loschütz greift in bewegenden Bildern seine eigene Geschichte auf. Die Flucht von Gethin und die Ankunft in Dillenburg und vor allem die Geschichte der Eltern, die trotz des Abschieds und der Ferne „ein schönes Paar“ waren.
Ein sprachlich schnörkelloser, wunderbarer Roman!

Gert Loschütz: Ein schönes Paar
erschienen am 6. Februar 2018
www.schoeffling.de

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