Rezension: „Sechs Koffer“ von Maxim Biller

„Nie wieder, dachte ich, will ich ein Familiengeheimnis wissen“ – Maxim Biller erzählt von seinen Verwandten und von einem Verrat

Beim Lachen entlädt sich Anspannung, deshalb lachen wir auch, wenn wir gekitzelt werden. Lachen hat eine Entlastungsfunktion und ist zugleich ein sozialer Klebstoff – gemeinsames Lachen verbindet. In Maxim Billers jüngstem Roman wird viel gelacht und das, an den vermeintlich unpassendsten Stellen, zum Beispiel nach der Beerdigung des Vaters. Seine kopfschmerzgeplagte Pflegerin Cilja erzählt der Familie, dass Semjon Biller von Hamburg nach Prag zurückkehren wollte und es dann ja auch tatsächlich geschafft hat, dort zu sterben, woraufhin die Familie so reagiert: „Und dann lachten wir alle.“ (150)
Maxim Biller ist bekannt für seine autobiographischen Texte, bei seinem Roman „Esra“ ist ihm die Nähe zur Realität zum Verhängnis geworden. Das Buch darf wegen der Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Billers Ex-Partnerin nicht verbreitet oder veröffentlicht werden. In „Sechs Koffer“ schreibt er über seine Familie und ein Geheimnis, das es seit dem Jahr seiner Geburt gibt. 1960 kam in Prag Maxim Biller zur Welt und sein Großvater Schmil Biller wurde in Moskau hingerichtet. Wer hatte den „Tate“ denunziert? War der Täter ein Verwandter? Einer seiner vier Söhne – Semjon, Dima, Lev oder Wladimir? Oder Dimas Frau Natalia, die eigentlich Semjon liebte und einst seine Geliebte war? War er vielleicht einfach selbst schuld?
In einer Talkshow beantwortete Maxim Biller in jungen Jahren die Frage der Moderatorin, warum er so oft und nicht unbedingt wohlwollend über seine Familie schriebe mit den Worten: „Weil ich keine Geheimnisse mag.“ (174) Deshalb erzählt er nun aus sechs Perspektiven vom Familiengeheimnis und den Gerüchten, die sich um den Tod des Großvaters ranken.
Und er ist nicht der einzige aus seiner Familie, der sich mit der eigenen Biografie und insbesondere mit dem Großvater auseinandersetzt. Auch seine Mutter Rada Biller beschäftigt sich in ihrem 2003 erschienen Roman „Melonenschale“ mit der eigenen Geschichte. Und seine Schwester Elena Lappin, die in London lebt und „In welcher Sprache träume ich? Geschichte meiner Familie“ auf Englisch geschrieben hat, widmet ebenfalls sich der eigenen Herkunft und Identität nach mehrfacher Emigration.
Der Weg der Familie Biller führte von Ost nach West – von Russland über die Tschechoslowakei nach Deutschland, Kanada, in die USA, die Schweiz, nach Israel und Großbritannien. Als Juden haben sie das Grauen des Holocaust erlebt und werden immer wieder mit Antisemitismus konfrontiert.
„Sechs Koffer“ ist ein Verwirrspiel, bei dem man nicht weiß, wem man trauen kann, denn Verrat spielt nicht nur im Zusammenhang mit dem Großvater eine Rolle. Dima möchte in den Westen – ohne seine Frau und die Tochter. Doch seine Fluchtpläne fliegen auf – immerhin weiß halb Prag davon – und er wandert nicht aus, sondern fünf Jahre ins Gefängnis.
Im Alter von 15 Jahren besucht Maxim Biller seinen Onkel Dima in Zürich. Für die Schule muss er über Brechts „Flüchtlingsgespräche“ schreiben, die mit dem Satz beginnen: „Es gibt schlechten und es gibt guten Verrat.“ (90) Um die Frage, wie man sich entscheidet, wenn man selbst in Gefahr ist, kreist dieser Roman.



Maxim Biller: Sechs Koffer
erschienen am 8. August 2018
www.kiwi-verlag.de

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