Rezension: „Der Vogelgott“ von Susanne Röckel

„Phantastisch, traumhaft, bizarr“ – Susanne Röckel erzählt von archaischen Kulten um einen grausamen Gott

Ist es ein Fluch, den der Lehrer und passionierte Ornithologe Konrad Weyde auf sich und seine Familie gezogen hat als er in einem abgelegenen Bergdorf, einen rätselhaften Vogel fängt, um ihn auszustopfen und seiner Sammlung einzuverleiben?

Als Konrad Weyde eines Tages in einem Dorf in den Bergen festsitzt, erblickt er dort einen riesigen Vogel, der ihn fasziniert. Obwohl ein Dorfbewohner ihn davor warnt, das Tier zu fangen und sogar von einer Strafe spricht, die ihm sonst drohe, kann der Sammler von Vogelpräparaten nicht widerstehen: „Ich wollte diesen Vogel nicht nur benennen. Ich wollte ihn haben. Und ich sollte ihn bekommen.“ (23) Dieser Satz ist Teil eines „unveröffentlichte[n] Manuskripts“, das den Prolog des Romans bildet.
Im Anschluss berichten die drei Kinder Konrad Weydes von ihrem Leben, das bei jedem von ihnen unter dem Unstern des Vogelgottes stehen wird…
Da gibt es zunächst den jüngsten Sohn, Thedor, der – im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern – immer verhätschelt wurde. Er darf Medizin studieren, lebt aber in den Tag hinein und bricht sein Studium schließlich ab. Mehrere Jahre wohnt er in einer verschimmelten Studentenbude, bis der rätselhafte Vic Tally ihm ein Jobangebot macht. Er soll ein Jahr lang als Arzt in Afrika wirken. Im Land der Kiw-Aza, wo es keinerlei ärztliche Versorgung gibt. Zeugnisse interessieren seinen Arbeitgeber nicht. Endlich sieht Thedor eine Möglichkeit, seiner Familie zu beweisen, dass er sehr wohl hart arbeiten kann. Doch bereits vor Dienstantritt beschleichen ihn auch Zweifel, zumal ein Mann, der auf dem Passamt arbeitet, ihn vor dem, was auf ihn zukommt warnt. Und im Land der Kiw-Aza erlebt er dann tatsächlich das Grauen, das ihn derart nachhaltig traumatisiert, dass er in der Psychiatrie landet.
Seine Schwester Dora, die einst davon träumte, Künstlerin zu werden, was ihr Vater ihr verbietet, studiert Kunstgeschichte und möchte promovieren. Als sie Hans kennenlernt, der Juniorprofessor ist und sie liebt, scheint alles perfekt, doch ihr Promotionsthema zieht sie in einen Abgrund hinab, der ihr ganzes Leben aus den Fugen geraten lässt. Die Beschäftigung mit dem Maler Johannes Wolmuth, der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte, lässt sie immer tiefer eintauchen in eine Welt antichristlicher Opferrituale: „Die Vögel – sie seien mir doch aufgefallen? – rätselhaft, grässlich, wie Figuren aus dem phantastischen Kosmos eines Goya oder Bosch. Wahrscheinlich seien sie im Zusammenhang mit einem antikirchlichen Geheimbund, einem Satanskult oder Ähnlichem entstanden, die zu Wolmuths Zeiten massenhaft Zuspruch erfuhren. Durch die Erfahrung des Krieges und seiner Folgen hätten die Menschen damals jegliches Gefühl der Sicherheit, jegliches Vertrauen in die alten Religionen verloren und seien, da die kirchlichen Oberhäupter ihre Fragen nicht mehr beantworten konnten, scharenweise zu den Vertretern einer Gegenwelt mit völlig anderen Machtverhältnissen und Autoritäten übergelaufen.“ (159)
Dora beschäftigt sich mit der antiken Mythologie, dem Vogel Ethon, dem „Sohn des Ungeheuers Typhon“ (173), dem Vogelgott. Und sie erinnert sich an das Märchen vom Greif, das sie und ihre Geschwister als Kinder vorgelesen bekamen. Ihre Recherchen nehmen sie derart gefangen, dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist, zu promovieren.
Lorenz, der große Bruder von Dora und Thedor, ist Journalist. Eigentlich wollte er Reisejournalist werden, doch der Vater hat ihn nicht dabei unterstützt. Deshalb muss er sich als freier Mitarbeiter beim „Tagblatt“ seiner Heimatstadt durchschlagen. Er ist finanziell abhängig von seiner Frau Marta. Als die Aufträge ausbleiben und er einem Unfall nachgehen soll, dem ein kleiner ausländischer Junge zum Opfer gefallen ist, kommt er einer großen Geschichte auf die Spur, die ihn ebenfalls in die düstere Welt des archaischen Vogelgottes hinabzieht.
Susanne Röckel ist ein unheimlich gut komponierter und sprachlich sowie stilistisch herausragender Schauerroman gelungen, der eine unglaubliche Sogwirkung entwickelt. „Der Vogelgott“ greift auch überaus aktuelle Themen auf, etwa die Abwendung von einer überkommenen Ordnung, hin zu einer radikalen Gegenordnung. Der Roman steht völlig zu Recht auf der Shortlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.


Susanne Röckel: Der Vogelgott
erschienen am 2. März 2018
www.jungundjung.at

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