Rezension: Ian McEwan: Maschinen wie ich

„Einen besseren Menschen würde ich nie kennenlernen“ – Ian McEwan erzählt von künstlicher Intelligenz und „Maschinentraurigkeit“

Der 32-jährige Ich-Erzähler Charlie Friend ist beruflich nicht gerade erfolgsverwöhnt und schlägt sich finanziell durch Aktienspekulationen durch. Seine Laufbahn als Anwalt für Steuerrecht musste er nach einer Straftat an den Nagel hängen. Seit seiner Jugend ist er technikbegeistert und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er zu den ersten Menschen weltweit gehört, die eine Menge Geld in den Kauf eines Replikanten, eines künstlichen Menschen investieren. Vor die Wahl gestellt, mit dem von den Eltern geerbten Geld ein Haus oder einen Maschinenmenschen zu kaufen, entscheidet er sich für „Adam“, eine von 12 männlichen KIs. Lieber hätte er eine der 13 weiblichen Eves gehabt, aber die waren sofort vergriffen. Charlies Adam hat eine Lebenserwartung von 20 Jahren, sieht aus wie ein „Hafenarbeiter vom Bosporus“ und muss noch konfiguriert werden, denn jede KI wird erst durch ihren Menschen zu einer maßgeschneiderten Persönlichkeit. Und weil Charlie sich ohnehin in seine zehn Jahre jüngere Nachbarin, die Studentin Miranda, verliebt hat, beschließt er, nur die Hälfte von Adams Persönlichkeitsmerkmalen festzulegen – den Rest will er Miranda überlassen. Auf diese Weise soll Adam Miranda an ihn binden, gewissermaßen wie ein gemeinsames Kind. Doch dieser Plan schlägt fehl – Adam wird nicht Charlies und Mirandas gemeinsames „Kind“, sondern Charlies Rivale. Er muss sich aufgrund seiner Konfiguration zwangsläufig in Miranda verlieben und dichtet 200.000 Haikus für sie. Charlie, der sich durch Adam bedroht fühlt, fängt an, seine KI zu hassen, doch schließlich finden die drei zu einer recht stabilen Art des Zusammenlebens, wobei Adam natürlich derjenige ist, der zurückstecken muss…
Ian McEwan verhandelt in seinem jüngsten Roman ein ausgesprochen spannendes Thema: Künstliche Intelligenz. Nebenbei geht es aber auch um zahllose aktuelle Probleme, etwa Umweltverschmutzung und Krieg, Arbeitslosigkeit und gewissermaßen auch um den Brexit. Der Clou an der Geschichte: Sie spielt im Jahr 1982, also in der Vergangenheit, die McEwan allerdings als sehr viel fortschrittlicher imaginiert. In der fiktiven Vergangenheit hat Alan Turing, der zu den wichtigsten Köpfen der theoretischen Informatik gehörte, nicht 1954 Selbstmord wegen der hormonellen Zwangsbehandlung seiner Homosexualität begangen, sondern überlebt. Die Technik ist viel weiter fortgeschritten – selbstfahrende Autos gehören in den 1980er Jahren gewissermaßen schon der Vergangenheit an. Großbritannien verliert in der Geschichte den Falklandkrieg und Margaret Thatcher wird von einem Sozialisten namens Tony Benn abgelöst. Das Maschinenzeitalter ist längst angebrochen und es wird an der Einführung einer Robotersteuer getüftelt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist angedacht und Charlie ist deswegen skeptisch: „Bald wären wir vielleicht Sklaven unserer beschäftigungslosen Zeit. Und dann?“ (69)
Adam denkt über die Lösung aller Probleme nach und sagt dabei so psychopathisch-emotionslose Sätze wie: „Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen besteht die einzige Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu setzen, in der kompletten Auslöschung der Menschheit.“ (95f.)
Bei Ian McEwan geht es um eine Vielzahl an spannenden Themen, etwa um Bewusstsein und Intelligenz – besonders natürlich um Maschinenintelligenz, die anders geartet ist als menschliche Intelligenz.
Für Charlie ist Adams Bewusstsein ein faszinierendes Rätsel: „Ich wusste immer noch nicht, ob er tatsächlich etwas sah. Ein Bild auf einem inneren Bildschirm, das niemand betrachtete, oder ein paar verstreute Schaltkreise, um seinen Körper durch den dreidimensionalen Raum zu lotsen? Seine scheinbare Sehfähigkeit war womöglich ein blinder Imitationstrick, ein sozialer Schachzug, damit wir menschliche Eigenschaften in ihn hineinprojizierten.“ (109)
Und was ist in einer Welt, in der Maschinen sich verlieben und unter „Maschinentraurigkeit“ (243) leiden können, in der tugendhaft programmierte Maschinen viel besser sind als jeder Mensch überhaupt noch der Unterschied? Was ist der Mensch überhaupt? Und was die Maschine? „Doch Alan Turing hatte es in seiner Jugend oft gesagt und auch geschrieben: In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben.“ (119)
Es geht viel um ethische Dimensionen, um „Roboterethik“ (121) und um den „Traum von der erlösenden Robotertugend“ (123), aber auch um das Denken im Gegensatz zur reinen Datenverarbeitung.
Ian McEwan hat ein faszinierendes Buch geschrieben, in dem der Mensch bemüht ist, gut zu sein, es aber einfach nicht hinbekommt – Mirandas dunkles Geheimnis ist beispielhaft dafür – und die Maschine es hinbekommt, aber deshalb nicht unbedingt gut ist – dafür steht wiederum Charlies Handgelenk. Das Buch regt an, über den idealen Menschen nachzudenken, der in unserer Welt voller Widersprüche zum Scheitern verurteilt ist. Erst eine Maschine führt uns die menschliche Natur vor Augen. „Maschinen wie ich“ ist ein großartiges Buch über Intelligenz und Bewusstsein, über Moral und Liebe. Eine spannende und lehrreiche Lektüre!

Ian McEwan: Maschinen wie ich
erschienen am 22. Mai 2019
www.diogenes.ch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.