Rezension: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ von Elena Ferrante

Ein Leben zwischen Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen oder „Eine Freundschaft“

Nun ist er also endlich erschienen, der vierte und abschließende Band von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga um die beinahe lebenslange Freundschaft zwischen der Erzählerin Elena Greco (genannt Lenú) und ihrer „genialen Freundin“ Raffaella Cerullo, genannt Lila.
Der vierte Band besteht eigentlich aus zwei Büchern. Die Jahre der „Reife“ werden in der „Geschichte des verlorenen Kindes“ erzählt, die etwas über 400 Seiten umfasst und das „Alter“ wird auf ca. 200 Seiten in der „Geschichte vom bösen Blut“ thematisiert.
Zunächst sind die beiden Protagonistinnen Mitte 30. Elena verlässt ihren Ehemann Pietro Airota, um endlich mit Nino, den sie schon seit ihrer Jugend vergöttert, zusammenzuleben. Gemeinsam mit ihren Töchtern Dede und Elsa zieht sie schließlich zurück nach Neapel, das sie wieder aufleben lässt, während die Beziehung mit Nino immer brüchiger wird. Lila und Lenú bekommen zur gleichen Zeit jeweils noch ein Kind und als Nino Elena endgültig enttäuscht, kehrt die mittlerweile gefeierte Autorin zurück in den Rione, das Scherbenviertel, in dem sie ihre Kindheit verbracht hat. Sie zieht in das Haus, in dem auch Lila wohnt und die Töchter der Freundinnen wachsen sozusagen mit zwei Müttern auf. Während Elena als Schriftstellerin Karriere macht, verdient Lila eine Menge Geld mit der Computerfirma, die sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Enzo leitet. Doch als die Mädchen vier Jahre alt sind, verschwindet Lilas Tochter Tina spurlos. Dieses traumatische Ereignis verändert alles…
Elena Ferrante gibt den Jahren der Reife und des Alters viel Raum. Als Leser taucht man in die Zeit der 1980er, 90er und schließlich ins neue Jahrtausend ein. Das Erdbeben, das am 23. November 1980 die Region Irpinia und auch Neapel erschütterte und beinahe 3.000 Menschen das Leben kostete, wird ebenso thematisiert, wie die politischen Entwicklungen und Skandale der Zeit. Nino erlebt einen beispielhaften Aufstieg zum Abgeordneten und im Zuge eines Korruptionsskandals einen Abstieg, von dem er sich allerdings wieder erholt. Die Erzählerin berichtet von den Umbrüchen der Zeit und lässt den Leser hautnah an den Ereignissen teilnehmen.
Was allerdings viel stärker im Vordergrund steht, ist die persönliche Entwicklung der Bildungsaufsteigerin. Wie in den vorhergehenden Bänden geht es immer wieder um ihre Minderwertigkeitsgefühle, unter denen sie seit Kindertagen leidet. Vor allem der Konkurrenzdruck gegenüber Lila und Schuldgefühle, die sie als karriereorientierte Mutter plagen, spielen eine große Rolle. Bisweilen habe ich persönlich das schon als leicht enervierend wahrgenommen. Lila, die ungebildete Underachieverin mit dem enormen Potenzial, geistert noch im Rentenalter als eigentlich Überlegene durch Elenas Gedanken. Die Erzählerin fühlt sich wie von einem Dämon verfolgt – bis zum Schluss. In dieser Hinsicht findet keine Entwicklung statt, was ja auch nicht unbedingt sein muss, aber gewünscht hätte man Elena ja doch, dass sie die Schatten der Vergangenheit endlich hinter sich lassen hätte können.
Elena Ferrantes „Neapolitanische Saga“ hat mich gut unterhalten. Die Geschichte wird chronologisch und sehr konventionell erzählt, so dass man das Buch flüssig „weglesen“ kann. Dass Ferrantes vierteiliger Entwicklungsroman ein Bestseller ist, kann ich absolut nachvollziehen.

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Reife und Alter. Band 4 der Neapolitanischen Saga
Übersetzung: Karin Krieger
Erschienen am 2. Februar 2018
www.suhrkamp.de

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