Rezension: „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ von Peter Stamm

Wer bin ich? Und bin ich überhaupt? Peter Stamms neuer Roman über die Frage nach Wirklichkeit und Möglichkeit

Im vergangenen Jahr habe ich Peter Stamms Roman „Weit über das Land“ gelesen, in dem es um Thomas und Astrid geht, ein Ehepaar mit Kindern. Eines Tages verlässt Thomas seine Familie. Scheinbar aus heiterem Himmel geht er einfach weg. Astrid bleibt ratlos und vollkommen verunsichert zurück. Stamm beschäftigt sich vorzugsweise mit existenziellen Themen. Menschen die aus ihrem eigenen Leben verschwinden zum Beispiel.
Auch „Die sanfte Gleichgültigkeit des Seins“ behandelt ein existenzielle Fragen: Wer sind wir? Und sind wir unserem Schicksal ausgeliefert? Was wäre, wenn wir unser Leben noch einmal leben könnten? Diese Fragen führen bei den Protagonisten in Peter Stamms neuem Roman zu einer großen Erschütterung, vor allem bei Christoph, dem gealterten Ex-Schriftsteller, der vor vielen Jahren einen erfolgreichen Roman geschrieben hat und an diesen Erfolg nie wieder anknüpfen konnte. Auch seine große Liebe Magdalena hat er verloren – und genau darum geht es in seinem Roman. An der Universität begegnet ihm Chris, der ihm selbst auf eigentümliche Weise ähnelt. Christoph ist fest davon überzeugt, dass der fast 20 Jahre jüngere Mann sein Alter Ego, sein anderes, jüngeres Ich ist. In Stockholm kontaktiert er Lena, Chris‘ Freundin. Die beiden treffen sich und Lena hört sich Christophs unglaubliche Geschichte an. Er behauptet, Chris‘ Leben bereits zu kennen, erwähnt zahlreiche zutreffende Details und prophezeit ihm die eigenen Zukunft. Ist Chris der junge Christoph? Alles scheint zu passen: Auch Chris schreibt an seinem ersten Roman – genau wie Christoph viele Jahre vorher. Der junge Mann ist mit Lena zusammen, die fast den gleichen Namen wie Magdalena trägt. Sie haben sich auch auf die gleiche Weise kennengelernt. Lena nimmt Christoph zunächst nicht wirklich ernst, doch im Verlauf des Gesprächs und der gemeinsamen Wanderung durch Stockholm, findet schließlich eine Annäherung statt, die in einem Kuss gipfelt. Christoph erzählt auch von der Begegnung mit Chris in Barcelona. Damals erzählte er seinem angenommenen Alter Ego von dem erfolgreichen Roman, den er vor vielen Jahren geschrieben hat – doch der Roman ist nicht googlebar und damit für Chris nicht existent. Christoph wird unsicher. Hat er denn keine Spuren hinterlassen, anhand derer er sich selbst finden könnte? Auch das Original des Manuskripts geht verloren, aber Christoph erzählt Chris die Geschichte derart detailreich, dass dieser sie schließlich aufschreibt und zu seinem eigenen Roman verarbeitet, in dem es nicht um den Verlust seiner eigenen großen Liebe Lena geht, sondern um Christophs Verlust von Magdalena. Chris erlebt die geschriebene Geschichte also gar nicht selbst, sondern verleibt sich Christophs Geschichte ein. Die Grenzen verschwimmen endgültig, als Christoph einem vom Verfall gezeichneten Mann begegnet, der wiederum 20 Jahre älter ist als er und darin ein mögliches älteres Alter Ego erkennt…
Peter Stamms Texte gehen unter die Haut, wenngleich die Charaktere einem seltsam fremd bleiben. Beim Lesen blickt man mit einer gewissen Distanz auf die Figuren. Man identifiziert sich nicht mit ihnen, spürt aber die tiefe Verunsicherung, die insbesondere von Christoph ausgeht, der sich mit existenziellen Fragen nach Wirklichkeit und Möglichkeit konfrontiert sieht.
In „The New Yorker“ hieß es einmal: „Würde Albert Camus heute leben, würde er vielleicht Bücher schreiben wie Peter Stamm.“ Da könnte durchaus was dran sein.

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
erschienen am 22. Februar 2018
www.fischerverlage.de

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