Rezension: „Unsere Seelen bei Nacht“ von Kent Haruf

„Nur zwei alte Leute, die sich im Dunkeln unterhalten“ oder Einsamkeit

Addie Moore ist in ihren Siebzigern als sie bei ihrem Nachbarn Louis Waters klingelt und mit einer ungewöhnlichen Bitte an ihn herantritt. Sie möchte, dass er abends zu ihr kommt und die Nacht mit ihr verbringt. Sie möchte keinen Sex, sondern einfach nicht alleine sein. Louis muss sich das Ganze zunächst durch den Kopf gehen lassen, aber auch er ist verwitwet und einsam. Und schließlich stimmt er zu.
So liegen die beiden abends Händchen haltend in Addies Bett und erzählen sich ihre Leben. Es geht um den tragischen Tod von Addies Tochter und um eine Affäre, die Louis vor vierzig Jahren hatte. Und natürlich geht es um die verstorbenen Ehepartner. Addie und Louis genießen die neue Nähe. Irgendwann können sie sich gar nicht mehr vorstellen, auf die gemeinsamen Nächte zu verzichten. Doch nicht alle sind so begeistert. In der Kleinstadt ist die soziale Kontrolle enorm. Es wird getratscht und gelästert. Doch Addie und Louis ist das egal. Warum sollte man den Schein wahren, wenn das bedeutet, dass man dafür einsam sein muss? Bald legen sie ihre Beziehung offen.
Als Addies Enkel Jamie den Sommer über zu seiner Großmutter kommt, weil seine Mutter ihn und seinen Vater – Addies Sohn Gene – verlassen hat, wird alles anders. Jamie findet bei der Großmutter und Louis ein neues Zuhause. Sein Ersatzgroßvater bringt ihm sogar Baseball bei und setzt sich dafür ein, dass er einen Hund aus dem Tierheim bekommt. Jamie findet wieder sein Gleichgewicht, doch als sein Vater Gene von der Beziehung zwischen seiner Mutter und dem Nachbarn hört, will er die beiden dazu zwingen, die Sache zu beenden. Wenngleich Addie zunächst zu Louis steht, merkt sie doch, dass es nicht so weitergehen kann. Jamies Eltern finden wieder zueinander und nehmen ihren Sohn samt Hund mit. Doch Addie merkt, dass ihr Enkel sie braucht und für die letzten Jahre mit Jamie ist sie sogar bereit, auf die Treffen mit Louis zu verzichten…

Kent Haruf, dessen Romane in der fiktiven Stadt Holt im Bundesstaat Colorado spielen, erlebte die Veröffentlichung seines Romans „Our Souls at Night“ nicht mehr. Er starb 2014 und sein letzter Roman erschien postum 2015. 2017 wurde die Geschichte um Addie und Louis verfilmt. Haruf verhandelt die Themen Einsamkeit und Freundschaft, beziehungsweise Liebe im Alter, berührend, aber nicht kitschig. Es ist ein schmaler Grat, auf dem er sich bewegt, aber er schafft es, die Geschichte in einem ruhigen Ton zu erzählen. Auch die Tatsache, dass sich die beiden zunächst über die Konventionen in der Kleinstadt hinwegsetzen, Abbie sich dem Willen ihren Sohnes schließlich aber doch noch beugt, zeugt davon, dass es hier nicht nur um eine süßliche Romanze am Lebensabend geht, sondern um ein Thema, das wirklich wichtig ist.
Wer eine ruhige Geschichte über eine späte Liebe sucht, sollte „Unsere Seelen bei Nacht“ lesen.

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht
erschienen am 22. März 2017
www.diogenes.ch

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