Rezension: „Eine dieser Nächte“ von Christina Viragh

„Denken Sie bloß nicht, das alles sei belangloses Flugzeuggeplauder, dummerweise hätten Sie einen Mitreisenden mit Redezwang erwischt, vor dem Sie zwischendurch davonlaufen müssen.“ – Christina Viragh erzählt von Begegnungen und Begebenheiten
Scheherezade erzählt in „Tausendundeine Nacht“ gegen die Nacht und gegen die Angst an, denn ihr droht der Tod. Durch ihre Erzählkunst schafft sie es allerdings, am Leben zu bleiben. Gegen die Angst – insbesondere in der Nacht – anzuerzählen, ist ein bekannter Topos. Wer erzählt, der überlebt.
Um den Erzählzwang des älteren US-Amerikaners Bill und die Geschichten der Menschen, die im Flugzeug in seiner Nähe sitzen, geht es in Christina Viraghs 500-Seiten-Roman „Eine dieser Nächte“. Auf einem 12-stündigen Langstreckenflug von Bangkok nach Zürich, beginnt Bill seiner Sitznachbarin Emma, einer Schriftstellerin mit den Zügen der Autorin, sein Leben zu erzählen. Dabei trinkt er einen Whiskey nach dem anderen – zu seinen Drinks pflegt er ein derart liebevolles Verhältnis, dass er sie alle auf den Namen Martha tauft.
Und während Bill vom Hundertsten ins Tausendste kommt, von seinem im Vietnamkrieg gefallenen Vater, von einer Fotokiste, die im Treibsand verschwindet und von Ännchen sowie von seinem slowakischen Großvater, der als Spieluhrfabrikant und Varietékünstler (er hatte eine Hundenummer mit seiner Hündin Martha einstudiert) in den USA Fuß fasste, fabuliert, kommen auch andere Passagiere ins Erzählen oder zumindest geraten sie in einen inneren Monolog. Walter zum Beispiel, der Ethnologe, der seine Frau an eine Frau verloren hat und sich Sorgen um seine 9-jährige Tochter macht, die sonderbare Obsessionen entwickelt hat. Oder das schwule Paar Michael und Stefan. Ein blutjunger Blogger namens Hagen – Jahrgang 2002 – macht sich auf seinem iPad Notizen, was Bill eigentlich gar nicht gut findet, aber was will man machen, wenn man einfach erzählen muss?
Es sind alltägliche und verrückte Geschichten, die erzählt werden. Erzählzeit und erzählte Zeit sind beinahe identisch, die Lektüre hat etwa neun Stunden gedauert, der Flug 12.
Es gibt überaus witzige Passagen, aber auch tragische Abschnitte. Manchmal zieht sich das Ganze etwas – wie das bei den Geschichten von Menschen mit Erzählzwang nun mal so ist. Faszinierend ist, wie Viragh die Begegnung der Passagiere inszeniert, welche Zusammenhänge sie herstellt. Da will sich z.B. einer vor dem anderen verstecken, weil er ein Klient der Ehefrau ist.
So zu schreiben, dass es nach gesprochener Sprache klingt, ist eine Kunst, die die Autorin exzellent beherrscht. Ob die Leser das zu schätzen wissen, hängt von persönlichen Vorlieben ab. Ich mag es sehr, weil es mich an filmisches Erzählen erinnert. Ich musste an „Magnolia“ oder „Short Cuts“ denken, beziehungsweise an Episodenromane.
Vieles ist mit vielem verknüpft und das zu ergründen ist das Vergnügliche an dem Roman.

Christina Viragh: Eine dieser Nächte
erschienen am 26. Februar 2018
www.doerlemann.com

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