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Artikel Tagged ‘Sachbuch’

Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können

11. Mai 2014 sgruen Keine Kommentare

Let’s talk about gender

(Sigrid Grün)

Soeben hat sich Conchita Wurst beim ESC in den Showhimmel gesungen und damit bewiesen, dass das Geschlecht scheinbar eine Kategorie geworden ist, die keinen großen Geist stört. Immerhin, auf der Showbühne ist die bärtige Dragqueen der Star - aber im Alltag? Gab es nicht schon auf Jahrmärkten bärtige Jungfrauen, die als Attraktionen vorgeführt wurden? Eine Frau, die als Mann geboren wurde kommt auch in der aktuellen Neuerscheinung “Tussikratie” zu Wort. Wir sind viel mehr als ein Häkchen auf einer Liste biologischer Merkmale. Und trotzdem ist das Geschlecht eins der maßgeblichen Themen unserer Zeit, denn die Zugehörigkeit zu einem von nur zwei Geschlechtern ist traditionell mit Zuschreibungen von Macht verbunden. Die dadurch geschaffenen Strukturen aufzubrechen ist ein wichtiges Ziel, das sich insbesondere der Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat.
Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling, zwei Frauen um die dreißig, haben nun ein Buch verfasst, das sich kritisch mit einer ganz bestimmten Haltung auseinandersetzt, die sie selbst als “Tussikratie” bezeichnen - die Herrschaft der Tussi, die nicht etwa eine Gleichberechtigung von Mann und Frau fordert, sondern lediglich, dass der Spieß einfach umgedreht wird. Frauen sollen nun das Steuer in die Hand nehmen und die Männer mal den Abwasch machen lassen, denn immerhin waren die bisher die bösen Unterdrücker. Jetzt sollen sie mal sehen, wie das ist. Doch ist diese schlichte Umkehrung der Verhältnisse wirklich dazu geeignet, dem ohnehin überaus komplexen Alltag, in dem wir leben erfolgreich zu begegnen? Sollte nicht eher eine Annäherung der Geschlechter angestrebt werden und nicht einfach eine Diskriminierung der Männer? Einfach ist es ja schon, bestehende Verhältnisse einfach umzudrehen, denn dann müsste auch nicht so viel darüber nachgedacht werden, wie es sich besser machen ließe. So wären die Geschlechterrollen weiterhin klar. Frauen wären einfach nicht mehr die Opfer, sondern das starke Geschlecht und Männer könnten die freigewordene Opferrolle ruhig übernehmen. Was so drastisch klingt, ist in vielen Bereichen schon Realität. In puncto Verhütung sitzt beispielsweise definitiv die Frau am längeren Hebel. Wenn sie ein Kind will und der Mann nicht, dann ist es möglich, dass sie sich schwängern lässt ohne dass Mann das weiß. Abgesehen von Kondomen gibt es kein zuverlässiges Verhütungsmittel für Männer, aber nicht unbedingt, weil die sich aus der Verantwortung stehlen würden, sondern weil es nicht gewünscht ist. Unternehmen, die bereits den Kassenschlager “Pille” produzieren, würden sich ja ihr Geschäft versauen, wenn sie plötzlich ein Konkurrenzprodukt zu ihrem Hit auf den Markt werfen würden. Auch Quotenregelungen können keine Lösung sein, denn letztendlich profitieren alle Beteiligten davon, wenn ein verantwortungsvoller Posten schlichtweg vom Besten oder eben der Besten besetzt wird. Das Geschlecht allein sollte dabei keine entscheidende Kategorie sein.
Aber sind Frauen denn wirklich so benachteiligt in der Arbeitswelt? Die Gender Pay Gap (dtsch. Geschlechter-Lohnlücke) ist in unseren Köpfen ziemlich stark verankert. Frauen verdienen im Durchschnitt viel weniger als Männer. Sie sind benachteiligt. Das ist einfach so. Oder? Selten wird hinter die Zahlen geschaut. Die Unterschiede zwischen dem Einkommen von Frauen und Männern sind durch verschiedene Faktoren bedingt, u.a. dadurch, dass Frauen sehr viel häufiger in Teilzeit arbeiten und diese Stellen nunmal nicht so gut bezahlt sind wie Vollzeitstellen. Auch Gehaltsverhandlungen werden von Frauen oft anders geführt als von Männern und dann sind es natürlich die klassischen weiblichen Berufsbilder, etwa im sozialen Bereich, die nicht so gut bezahlt werden. Aber ist es nicht auch so, dass viele Frauen auch schlichtweg andere Dinge wollen als ihre männlichen Kollegen, die z.B. unter dem Druck stehen Geld zu verdienen, um wenigstens einen Großteil des Familieneinkommens zu bestreiten. Die Zeiten in denen der Mann arbeiten geht und allein mit seinem Einkommen die ganze Familie durchbringt sind nämlich längst vorbei. Aber ist es dann wirklich ein Gender Problem oder ein Wertekonflikt, der uns z.B. soziale Berufe als nicht so wichtig wie etwa technische Berufe erscheinen lässt und damit auch eine unattraktive Bezahlung nach sich zieht? Ist es dann auch noch in Ordnung, wenn Jungs beim “Boys Day” gesagt wird, sie sollten doch einen sozialen Beruf ergreifen, weil dann einfach mehr Männer in den Frauenberufen wären? Und Mädchen parallel beim “Girls Day” dazu ermuntert werden die richtig guten Jobs, z.B. im Technikbereich zu ergreifen? Einfach nur, damit das Ganze mal nicht mehr so stark nach typischem Männer- und klassischem Frauenjob aussieht? Wie fühlt sich ein Junge, dem beigebracht wird, dass er doch einen Beruf ergreifen soll, in dem man weniger verdient - einfach nur weil er ein Junge ist und nicht nur die Mädchen die Drecksarbeit machen sollen?
Aber nicht nur Männer leiden unter der Tussikratie, sondern auch Frauen selbst setzt diese Haltung unter großen Druck. Wenn wir Frauen alles erreichen können - Kerl, Kind, Karriere - dann müssen wir das auch irgendwie, denn alles andere würde bedeuten, dass wir unsere Möglichkeiten nicht ausschöpfen und kläglich versagen.
Natürlich gibt es noch Benachteiligungen von Frauen. Und das ist sehr schlimm! Friederike Knüpling, selbst leidenschaftliche Boxerin, schreibt z.B. über das Boxen als Sport, in dem Frauen keinen leichten Stand haben. Selbstverständlich ist es wichtig wirkliche Benachteiligungen zu verurteilen und Änderungen herbeizuführen. Nur kann die Lösung nicht eine simple Umkehrung sein. Das Buch ist in keiner Weise frauenfeindlich - im Gegenteil! In einem Brief an die Frauen richtet Theresa Bäuerlein einen engagierten Appell an die Frauen, in dem es vor allem darum geht, dass es keinen Sinn hat nun quasi in die Männerrolle zu schlüpfen. Geschlecht ist einfach nicht die entscheidende Kategorie! So einfach und gleichzeitig schwer ist es, denn wenn eine so scheinbar simple Kategorisierungsmöglichkeit wegfällt… Ja, was dann? Dann müssen wir uns etwas Neues überlegen. Und das ist manchmal ganz schön schwierig.

Fazit: “Tussikratie” ist ein Buch, dem ich viele LeserInnen wünsche, denn es zeigt auf, dass manche Ansätze, die wir verfolgen nicht zu einer wirklichen Lösung, sondern lediglich zu einer Verschiebung des Problems führen. Wenn Geschlechterverhältnisse einfach nur umgekehrt werden, führt dies lediglich dazu, dass vorhandene Rollenbilder zusätzlich zementiert werden - schlichtweg unter geänderten Vorzeichen. Die Autorinnen rutschen dabei nicht in die Polemik ab, sondern bringen Verständnis für Angehörige jedweden Geschlechts auf, was vermutlich vor allem daran liegt, dass sie sich von der Vernunft leiten lassen. Eine erhellende Lektüre - sehr zu empfehlen!

Theresa Bäuerlein; Friederike Knüpling (Autorinnen)
Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können
www.randomhouse.de
320 Seiten

Buchtipp: Wir wir uns täglich die Zukunft versauen

14. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Vom Now Me zum Future We

(Sigrid Grün)

Die Menge Büchern, in denen es darum geht, wie düster es um unsere Zukunft bestellt ist, wenn wir an unserem Verhalten nichts ändern ist nicht mehr überschaubar. Wir wissen, dass es so nicht mehr weitergeht. Die Ressourcen sind begrenzt und wir haben eigentlich keine Chance mehr. Das lähmt uns einerseits, andererseits können wir es auch ziemlich gut ausblenden. Düstere Prognosen können wir schon nicht mehr hören - einerseits weil wir sie nicht hören wollen, andererseits weil wir schon so abgestumpft sind. Und gegenwärtig geht es uns doch gut!

Der Zukunftsmanager Pero Mićić zeigt nun auf, welche Ursachen hinter unserem Verhalten stecken und er erklärt, welcher Weg aus der misslichen Lage führen könnte. Schuld an der Situation ist eine ursprünglich praktische Art zu denken: Das Kurzfristdenken. Wenn Denk- und Handlungshorizont ungefähr deckungsgleich sind und unsere Möglichkeiten sehr beschränkt, sorgt dieses kurzfristig ausgelegte Denken dazu, dass wir erfolgreich überleben. Wenn unsere Möglichkeiten aber unseren Denkhorizont weit übersteigen, wie es im 21. Jahrhundert schon lange der Fall ist, wird diese Überlebenstaktik zu einer gefährlichen Kurzfristfalle, der wir nur schwer entkommen können.
Normalerweise denken wir kurzfristig und emotional. Ich will JETZT und nicht morgen. Es gibt zahlreiche Versuche dazu. Etwa die Studie, in der Menschen heute 10 Euro jetzt oder 11 Euro morgen angeboten bekommen. Fast alle entschieden sich für die 10 Euro jetzt. Rechnet man nach, sind das sagenhafte Zinsen, die einem da entgehen. Auch jede Sucht funktioniert so. Wir sind der “Homo praesens” und bekommen auch aktuell zu hören, dass wir ganz in der Gegenwart leben sollen, was wir auch nur zu gerne tun. Doch das ist eben auch extrem gefählich. Und selbst wenn wir es schaffen langfristig zu denken, sind wir meist nicht so weit, auch langfristiges Tun zu verwirklichen.
Pero Mićić zeigt in diesem Buch auf, wie man der Kurzfristfalle, die in uns nunmal angelegt ist, entkommen kann. Ein wichtiger Faktor ist der Zeithorizont - sobald wir nämlich über etwas entscheiden sollen, das in der Zukunft liegt, entscheiden wir uns sehr viel vernünftiger. Wer gefragt wird, ob er 10 Euro in einem Jahr oder 11 Euro in einem Jahr und einem Tag erhalten möchte, nimmt fast immer die 11 Euro. Auch in puncto Ernährung suchen wir uns nachweislich die gesündere Alternative aus, wenn wir heute über unser Menü in einer Woche entscheiden sollen. Nur dürfen wir dann in einer Woche nicht die Möglichkeit eingeräumt bekommen, uns doch noch umzuentscheiden, denn sonst greift wieder zu Kurzfristfalle.
Besonders gefährlich ist das kurzfristige Denken in der Politik. Solange es nur um Wählerstimmen geht, wird langfristiges Denken nämlich vom Wähler abgestraft. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Der Autor zeigt zudem auf, wie man auf Unternehmensebene der Kurzfristfalle entkommen kann: Vom Now Me zum Future We lautet die Devise hier. Erst wenn wir in Kategorien der Gemeinschaft langfristig denken und handeln, können wir der Kurzfristfalle und damit einer düsteren Zukunft entkommen. Pero Mićić erklärt, was es dabei zu beachten gilt.
Ein höchst spannendes und aufschlussreiches Buch, das hoffentlich viele Leser findet. Es hilft dabei das eigene Denken und Verhalten zu reflektieren und hinter die Kulissen zu blicken.

Pero Mićić (Autor)
Wie wir uns täglich die Zukunft versauen
www.ullsteinbuchverlage.de
336 Seiten

Buchtipp: Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea

12. März 2014 sgruen Keine Kommentare

Reisebericht aus einem bizarren Land

(Sigrid Grün)
Christian Eisert ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Lachen ist quasi sein Business - und ausgerechnet so einer fährt nach Nordkorea, in ein Land, in dem das Lachen wahrscheinlich nur aus organisatorischen Gründen nicht verboten werden kann. Gelacht wird nur über die Witze des Staatsführers. Wenn er denn mal welche machen würde.
Eigentlich ist er vor allem auf der Suche nach einer gigantischen Regenbogenrutsche, die er als Kind einmal gesehen haben will. Die Schule in Ostberlin, die er einst besucht hat, war nämlich eine ganz besondere: Die Schule der Freundschaft zwischen der DDR und der KDVR. Ein bisschen sperriger Name, aber ok, sperrige Sachverhalte müssen nunmal auch in sperrigen Namen verwurstet werden. Eisert packt sich also seine beste Freundin Thanh Hoang, eine Fotoreporterin, die ihn zwar dauernd Hase nennt, ansonsten aber herrlich kratzbürstig ist und macht sich auf in das Land von “Kim und Struppi”. Schon die Einreise ist ein gefährliches Unterfangen, denn Journalisten dürfen in Nordkorea nicht rein, sonst Kopf ab. Wie überhaupt auf vieles die Todesstrafe steht. Es muss also vor allem für Thanh eine neue Identität her. Kurzerhand wird sie zu “Sandra”, zum Glück hat sie noch einen Ausweis, der auf diesen Namen lautet, da sie als Kind adoptiert wurde. In Nordkorea bekommt das seltsame Paar (das ja eigentlich gar keins ist) ein noch viel seltsameres Paar zur Seite: Herrn Rym und Herrn Chung, die Aufpasser, die das Land der begrenzten Möglichkeiten in ein möglichst positives Licht rücken sollen. Als Leser bekommt man einen beeindruckenden Einblick in das bizarre Land, dessen Führer Kim Il-sung über 10.000 Bücher geschrieben haben soll, also, ab seiner Geburt alle drei Tage ein neues… Ganz schön beachtlich, wenn man bedenkt, was er noch so nebenbei geleistet hat.
Eisert schreibt über das Bild, das ein Tourist von Nordkorea gewinnt - es gibt ein einziges, gigantisches Hotel, in dem alle ausländischen Touristen untergebracht werden, er schreibt über seltsame Sightseeing-Touren und über die Erlebnisse mit seiner besten Freundin Thanh und Rym & Chung. Dabei bleibt er aber nicht nur an der Oberfläche hängen, sondern berichtet häufig von den Hintergründen - unter anderem mafiösen Strukturen, in die nicht zuletzt auch wichtige europäische Institutionen verwickelt sind.
Er schreibt nicht respektlos (auf alle Fälle nicht respektloser als über jedes andere Land), sondern versucht herauszufinden, was in Nordkorea “so geht”. Und dabei erzählt er seine ganz persönliche Geschichte von der Begegnung mit einem der außergewöhnlichsten Reiseziele der Welt. Nordkorea ist ein Sehnsuchtsort für die Freaks unter den Globetrottern - oder einfach für neugierige Menschen, die sich dafür interessieren, wie ein Leben in einem Land mit einer derart menschenverachtenden Ideologie und einem vollkommen verrückten Diktator möglich ist.

Christian Eisert (Autor)
Kim & Struppi. Ferien in Nordkorea
www.ullsteinbuchverlage.de
320 Seiten mit zahlreichen Farbfotos

Manfred Spitzer spricht in Regensburg über “Digitale Demenz”

22. November 2013 sgruen Keine Kommentare

Warum daddeln dumm macht oder Was wir wirklich tun, wenn wir Multitasking betreiben

(Sigrid Grün)

Der Arzt und Hirnforscher Manfred Spitzer referierte gestern im Rahmen des Festvortrages “Gehirnforschung für Juristen” über ein Thema, das nicht nur Juristen, sondern alle angeht. Zwei Stunden sprach der Bestsellerautor über die Folgen der Nutzung digitaler Medien insbesondere im Kindesalter. Wer Manfred Spitzer noch nicht live erlebt hat, hat etwas verpasst. Anders kann man es eigentlich nicht ausdrücken, denn er ist nicht nur Wissenschaftler, sonder auch ein Showtalent. Die Regensburger Zuhörer waren begeistert von dem Vortrag, der in keiner Weise einer typischen Vorlesung mit ödem Vortrag und emotionslos vortragendem Professor glich. Stattdessen sprühte hier jemand vor Begeisterung für sein Thema und verstand es auch noch geschickt, den ganzen Vortrag mit manch lustigem Gag aufzulockern. Und eine erheiternde Sache ist mehreren jungen Zuhörern aufgefallen: Wenn man die Augen schließt, so glaubt man, Stefan Raab zu hören!Das einzig Bedauerliche an dem Vortrag war, dass er als “Gehirnforschung für Juristen” angekündigt wurde. Dies hat sicher so manchen potenziellen Zuhörer (die Veranstaltung war auf für die interessierte Öffentlichkeit gedacht) davon abgehalten, Manfred Spitzer live zu erleben. Dabei hätte dies eine Pflichtveranstaltung zumindest für alle angehenden Pädagogen sein müssen.

Worum geht es Manfred Spitzer? Sein aktuelles Buch “Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen” ist ein Bestseller - und bei vielen umstritten. Warum ist es umstritten? Weil Spitzer sich unter anderem des Stilmittels der Polemik bedient. Bei der Brisanz des Themas muss aber auch eingeräumt werden, dass es ohne wissenschaftliche Fehde eigentlich nicht geht, denn der Gegner - die mächtige Medienindustrie - ist durchaus nicht gewillt, etwas an ihrem Kurs zu korrigieren, immerhin geht es um Unsummen. Welche Konsequenzen Spitzer als Wissenschaftler zu spüren bekommen hat, erfährt man im Vortrag und im Buch: Die Streichung von Forschungsgeldern ist hier nur ein Stichwort.
Manfred Spitzer baut den Vortrag ähnlich wie sein Buch auf. Hier ist es zunächst wichtig Aufbau und Funktionsweise des Gehirns zu erläutern. Und der Autor vermag dieses faszinierende Organ wunderbar zu erklären. Die Plastizität des Gehirns ist eine Fähigkeit, die kein anderes Organ in diesem Ausmaß besitzt. Querschnitte von Gehirnen, die großteilig zerstört scheinen, zeigen auf, was das bedeutet. Die Besitzer dieser Gehirne haben eine Gemeinsamkeit, nämlich keinerlei Symptome, die darauf hindeuten würden, dass es in ihren Köpfen so aussieht, wie es eben aussieht. Dies ist allerdings nur dann möglich, wenn die Beschädigung der Strukturen schon sehr früh stattfindet. Und damit kommt Spitzer auch auf sein größtes Anliegen zu sprechen: Die enorme Bedeutung der Gehirnentwicklung im Kindesalter. Wenn der Mensch in dieser Zeit nicht gewisse Strukturen aufbaut und permanent lernt (und genau das tun Babies und Kinder im Allgemeinen die ganze Zeit!), hat das schreckliche Konsequenzen. Was es dann für die Gehirnentwicklung bedeutet, ein Kind mit digitalen Medien zu berieseln, wird z.B. dann klar, wenn man sich vor Augen führt, wie bedeutungslos und arm die Wischbewegung ist, die wir auf iPad und Co machen, um an Inhalte zu gelangen. Wie vielfältig sind hingegen Bewegungen, die Kinder vollführen, wenn sie einen echten Gegenstand erkunden! Natürlich widmet sich Spitzer auch dem Thema Google. Der Generation der “Digital Natives” (alle, die nach dem Jahr 1980 geboren sind und damit von Anfang an mit den Errungenschaften des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind) werden häufig besondere Fähigkeiten unterstellt. So wird zum Beispiel gerne behauptet, dass sie sich viel schneller im großen Wissensdschungel orientieren und blitzartig alle wichtigen Infos aus dem Netz besorgen könnten. Diese These dekonstruiert Spitzer ebenso schnell wie verlässlich, denn Studien belegen eindeutig, dass das Wissen, über das die “Generation Google” verfügt, kein echtes Wissen ist. Es wird viel zu oberflächlich abgespeichert, als dass es überhaupt möglich wäre, Inhalte wirklich zu durchdringen. Zudem geht damit auch die Kritikfähigkeit verloren. In der Beliebigkeit der bunten Netzwelt kann man ohne solides Vorwissen nicht unterscheiden ob etwas wichtig oder unwichtig ist - manchmal ist es sogar schwierig festzustellen, ob es sich überhaupt um die richtigen Informationen handelt. Berühmt ist schon die Verwechslung einer amerikanischen Schülergruppe, die ein Referat über das Land Georgien machen sollten und einen ausgefeilten Powerpoint-Vortrag über den US-Bundesstaat Georgia hielten.
Ebenfalls ein wichtiger Punkt, dem sich Spitzer widmet, ist das vielgepriesene Multitasking. Dass unser Gehirn dazu überhaupt nicht in der Lage ist, scheint viele Verfechter der These, Multitasking wäre eine besonders wünschenswerte Fähigkeit, gar nicht zu kümmern. Stattdessen plädieren sie dafür, dass man Multitasking trainieren solle - was aber nichts anderes bedeutet, als sich eine Aufmerksamkeitsstörung anzutrainieren.
Manfred Spitzer widmet sich vielen aktuellen Themen und er argumentiert leidenschaftlich und auf Basis zahlreicher Studien, die ihm Recht geben. Sowohl Vortrag als auch Buch sind verständlich und didaktisch brillant. Für Eltern und Pädagogen eine Pflichtlektüre!

Ein Vortrag von Manfred Spitzer ist online zu finden: www.youtube.de

Manfred Spitzer (Autor)
Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen
www.droemer-knaur.de
368 Seiten

Manfred Spitzer in Straubing und Regensburg

18. November 2013 sgruen Keine Kommentare

Digitale Demenz in Straubing und Gehirnforschung für Juristen in Regensburg

(Sigrid Grün)

Prof. Dr. Dr. Spitzer, Mediziner, Psychologe und Philosoph ist demnächst gleich zweimal in Ostbayern zu sehen. Am kommenden Donnerstag (21. November, 19.30 Uhr, Vielberth Gebäude an der Universität Regensburg) hält er im Rahmen eines juristischen Symposiums den Festvortrag “Gehirnforschung für Juristen” und am 2. Dezember präsentiert der Bestsellerautor in der Buchhandlung Rupprecht in Straubing (Theresienplatz 23) ab 20.00 Uhr seinen Spitzentitel “Digitale Demenz” und erläutert, wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Der Eintritt zu dieser Veranstaltung kostet 12 Euro.

Buchtipp: Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt

20. Dezember 2012 sgruen Keine Kommentare

Absolute Beginner berichten

(Sigrid Grün)

Früher gab es die “alte Jungfer” und den “Hagestolz”, was keine Seltenheit, aber auch abwertend war. Heute sind Menschen ohne sexuelle und/oder Beziehungserfahrung im 21. Jahrhundert angekommen. Einige von ihnen sind im Netz im Forum “Absolute Beginner” aktiv und Maja Roedenbeck macht mit ihrem jüngsten Buch auf das Phänomen aufmerksam. Wir leben in einer Gesellschaft, die oversexed (und underfucked, wie es so schön heißt) ist. Schon Jugendliche leiden, wenn sie mit 13 noch nicht so weit sind wie Gleichaltrige. Was aber ist mit Menschen, die z.B. jenseits der 30 noch nie Sex hatten oder keine einzige Beziehung?
Zunächst einmal kann man festhalten: Solche Menschen sind keine Seltenheit und sie sind keineswegs Freaks. Von vielen weiß man es überhaupt nicht.
Sehr schön ist in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Buch: “Einer, der Klavier spielen kann, fragt einen, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ein paar Tasten drücken!’ Klingt absurd, oder? Jeder weiß, dass zum Klavierspielen mehr dazu gehört als bloß Töne erzeugen durch unbeholfenes Tastendrücken. Und ganz sicher weiß das der Klavierspieler selbst. So eine Frage würde er nicht stellen. Warum fragt dann einer, der Kontakt aufnehmen, flirten, Partner finden kann, einen Absolute Beginner, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ausgehen und jemanden ansprechen?’ Die Antwort ist dieselbe wie beim Klavierspielen. Weil zum Partnerfinden mehr dazu gehört als diese methodischen Schritte. Weil man dazu mehr können muss als eine Anleitung befolgen.” (Verena, 26)
Wie ist das Buch gegliedert? Zunächst beschreibt die Autorin, worum es geht und welche Gründe es haben kann, dass viele Leute keinen Partner finden. Interessant ist hier, dass es in puncto Gender große Unterschiede gibt. Es gibt mehr männliche ABs - aber eben meist aus anderen Gründen als bei weiblichen ABs. Erläutert werden Gründe wie Bindungsangst, Schüchternheit, Perfektionismus, aber auch gesellschaftliche Aspekte.
Schließlich geht es um die Geschichten von einigen ABs und ABinen. Es melden sich Menschen zwischen Anfang 20 und Ende 40 zu Wort, die erzählen, wie es bei ihnen dazu gekommen ist, dass sie (noch) ABs sind. Bemerkenswert ist, dass auch schon recht junge Menschen sehr unter ihrer Unerfahrenheit leiden. Aber man muss einfach sehen, unter welchem Druck - vor allem Männer - mit Anfang 20 schon stehen. Erzählt werden die unterschiedlichsten Geschichten. Da geht es um eine Frau, die sich lange Zeit keine Gedanken über potenzielle Partner machen konnte, weil sie ihre eigene Geschichte zunächst verarbeiten musste. Es geht um einen Mann, der ursprünglich Priester werden wollte und deshalb den Anschluss verpasst hat oder um einen AB, der sich dazu entschlossen hat, zumindest sexuelle Erfahrungen mit Prostituierten nachzuholen. Die Geschichten zeigen sehr gut, wie unterschiedlich die Gründe geartet sind, die dazu führen können, dass man ein AB bleibt. Und manche Geschichten haben ein “happy end”.
Zum Schluss gibt es auch noch Tipps für ABs - von ABs und von Experten (etwa Psychologen).
Das Buch ist auf alle Fälle eine sehr interessante und einfühlsame Einführung in das Thema. Die Autorin bricht eine Lanze für Menschen, die (noch) ABs sind - das ist eine wichtige Botschaft, denn es ist einfach nicht in Ordnung Menschen wegen ihrer Unerfahrenheit zu stigmatisieren, was in unserer Gesellschaft immer noch sehr häufig der Fall ist. Hier kann man an das Zitat anknüpfend einfach nochmal sagen: “Können Sie Klavier spielen? Waaaas? Sie können es nicht??? Warum nicht? Das ist ja unglaublich!!”

9783861536888

Maja Roedenbeck (Autorin)
Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt
www.christoph-links-verlag.de
200 Seiten

Buchtipp: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen

16. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Die “leeren” Zeiten des Alltags

(Jan Neidhardt)

Wenn man Oscar Wilde vertrauen darf, dann ist “Nichtstun [...] die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt”.
Das lässt sich auch leicht verifizieren. Die meisten Leute hassen es untätig z.B. auf die Reparatur des Autos warten zu müssen, oder Verspätungen in öffentlichen Verkehrsmitteln hinzunehmen, selbst wenn es sich nur um wenige Minuten von durch äußere Umstände auferlegte Untätigkeit handelt.
Bewusstes Nichts-tun oder auch Gar-nichts-tun, wie z.B. bei manchen Formen der Meditation, davon träumt man vielleicht schon öfter, wenn einem der Stress über den Kopf zu wachsen scheint, aber wer das einmal ausprobiert hat, weiß auch, wie schwierig es uns heute fällt einfach mal Stillstand zuzulassen.
Von dem was mit uns passiert, wenn vermeintlich nichts passiert, handelt das Buch der beiden schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren “Nichtstun - Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen”.
Das gut lesbare und streckenweise sehr spannende Buch nähert sich auf kulturwissenschaftliche Weise durch Beobachtung, Befragung und Auswertung von Romanen jenen Zuständen, die hier auch als Hinterhöfe der Kultur beschrieben werden.
Das “Nichtereignis” wird nach drei Kategorien aufgeschlüsselt: Dem Warten, den Routinen und den Tagträumen. Es wird deutlich, wie wichtig z.B. Tagträume sind und wie sie, obwohl oft als unproduktive auch antisoziale Zeitverschwendung gebrandmarkt, in Wahrheit oft eine Quelle von Kreativität aber auch Erholung sind.
Routinen machen unseren Alltag zu dem was er ist, stellen aber auch, trotzdem sie als langweilig verachtet sind, eine ökonomische Stütze dar und sind auch - öfter als man meint - durchaus lustbetonte Verrichtungen, bei denen man wiederum gerne auf Tagträume zurückgreifen kann, wie z.B. beim Abwasch oder Malerarbeiten.
Das Warten stellt schließlich eine ganz essentielle Kulturerfahrung dar. Schon Kinder müssen Abwarten lernen, müssen ihre Bedürfnisse zugunsten mehr oder weniger organisierter Abläufe im Zaum halten. Wartezeiten können natürlich auch vielfach genutzt werden, man kann sie aber auch bewusst verstreichen lassen. Kulturtypisch ist auch die Erfahrung in der westlichen Welt, dass viele Menschen Teile ihres Lebens (oder auch das ganze) in einer Art Warteschleife zu verbringen scheinen.
Das Buch zeigt einfach sehr schön, dass eben “ungenutzte” Zeit, ob wir das anerkennen können oder nicht, ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens ist. Es zeigt, dass der Umgang mit dieser Zeit immer durch kulturelle Vorstellungen geprägt ist, abhängig von Zeit und Herkunft des betroffenen Menschen. Und es ist auch ein Buch, das Hoffnung machen kann, in Hinsicht darauf, dass eben in Zeiten der Ereignislosigkeit auch Potenzial zur Veränderung und zu einem kreativen Umgang mit sich selbst steckt.
Man muss es nur zulassen…

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Billy Ehn; Orvar Löfgren (Autoren)
Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen
www.his-online.de
303 Seiten

Buchtipp: Landleben im römischen Deutschland

25. Juni 2012 sgruen Keine Kommentare

Hier wird römisches Landleben lebendig

(Sigrid Grün)

In Ostbayern finden sich nicht nur in Regensburg Spuren römischen Lebens. Auch im Umland sind verschiedene Reste römischen Landlebens zu entdecken, beispielsweise in Eining. Das von etwa 80 n. Chr. bis ins 5. Jahrhundert genutzte Kohortenkastell Abusina bildet einen Endpunkt des über 500 Kilometer langen Obergermanisch-Raetischen Limes. Die Römer sind in Ostbayern gewissermaßen allgegenwärtig und es lohnt, sich näher mit dem Alltagsleben in der Antike auseinanderzusetzen.
Das vorliegende Buch, Landleben im römischen Deutschland, herausgegeben von den beiden Archäologinnen Vera Rupp und Heide Birley, bietet dafür eine wunderbare Möglichkeit. Hier wird der Alltag auf dem Lande lebendig.
Das Buch ist sehr sinnvoll strukturiert und bringt in anschaulicher Form zahlreiche Informationen.
Zunächst führen einige Aufsätze von verschiedenen Autorinnen und Autoren in das Thema ein. Es geht um Quellen, wie z.B. antike Schriftsteller oder Darstellungen römischen Landlebens in der Kunst. Auch die Verwaltung im römischen Deutschland, Wasser- und Landstraßen, Ackerbau und Viehzucht, landwirschaftliche Geräte und Mühlen, Kleidung, Religion sowie Spiel, Spaß und Wellness sind Themen.
Anschließend geht es in den Aufsätzen um konkrete Villae rusticae, vici und archäologische Parks und Museen in Deutschland. Der Fokus liegt zwar auf den Spuren römischen Landlebens im Westen von Deutschland, doch auch südlichere Landgüter werden vorgestellt.
Die Texte sind sehr lebendig und spannend geschrieben und werden von vielen Bildern begleitet. Das Buch kann auch hervorragend im Schul- oder (erlebnis)pädagogischen Bereich eingesetzt werden, da es sehr gut gegliedert und didaktisch ausgeklügelt ist.

Fazit: Ein wunderschöner, spannender und informativer Bildband, der einen tollen Überblick liefert und den man rundum empfehlen kann!

9783806225730-b

Vera Rupp; Heide Birley (Herausgeberinnen)
Landleben im römischen Deutschland
www.theiss.de
194 Seiten

Buch-Tipp: Die deutsche Seele von Thea Dorn und Richard Wagner

20. Mai 2012 sgruen Keine Kommentare

Was ist deutsch und warum eigentlich?

(Sigrid Grün)

Thea Dorn und Richard Wagner sind bekannt: Dorn insbesondere als herausragende Krimiautorin (”Die Hirnkönigin”), Wagner vor allem als Romanautor und Ex-Ehemann von Nobelpreisträgerin Herta Müller. Dorn wuchs am Main auf, Wagner als Angehöriger einer deutschen Minderheit im rumänischen Banat. Wie nähern sich nun zwei Menschen - beide Deutsche, beide in völlig unterschiedlichen Kontexten sozialisiert - dem Thema “deutsche Seele” an?

Das Buch ist ein durchaus literarisches Sachbuch, das von zwei Autoren geschrieben wurde, die als Romanautoren selbst einen Bezug zur deutschen Literatur haben. Das merkt man den Texten auch an, da sie sprachlich gehoben sind und keine reinen Sach- oder Kolumnentexte. Den Themen widmen sich die beiden teilweise mit unterschiedlicher Intensität. Gleich am Anfang sieht man schon, dass von Thea Dorn z.B. Abendbrot und Abgrund mit unterschiedlicher Länge und Tiefe behandelt werden und dass hier das Interesse der Autorin doch eher im germanistischen als im Bereich der Alltagskultur anzutreffen ist. Wobei sich aber durchaus auch gewollte Überschneidungen ergeben, z.B. Thomas Mann und sein ‘Feierabendbierchen’. Das Buch könnte man von der Gesamtschau durchaus gut als ‘anspruchsvolle Unterhaltung’ bezeichnen, was aber nicht bedeuten soll, dass das Thema trivial wäre, sondern dass die Essays zu den Themen schon auch Hintergrundwissen und ein Bewusstsein für kulturelle Eigenheiten ‘des Deutschen’ (wenn man so sagen wollte) erfordern.
Im Buch geht es, grob gesagt, um so etwas wie das deutsche kulturelle Gedächtnis. Dinge, die ‘Deutschland’ zu dem machen, was es ist, oder zu sein scheint. Hier wird nicht eine zusammenhängende, vielleicht sogar chronologische Geschichte erzählt, den Start machen auch keine Theorien, was man allgemein als ‘deutsch’ bezeichnen könnte, nein, die Autoren haben gesammelt, durchaus auch subjektiv, welche Begriffe Deutschland charakterisieren und wie es eigentlich dazu gekommen ist. Da dürfen natürlich Begriffe wie Ordnungsliebe und Kleinstaaterei, Schadenfreude oder Reinheitsgebot und Spießbürger nicht fehlen. Aber es gibt auch Überaschendes wie Pfarrhaus, Forschungsreise und Freikörperkultur zu entdecken. Ich habe allerdings die Pünktlichkeit vermisst! Jedenfalls wird der Begriff dann meist geschichtlich, oft auch mit persönlichem Bezug und auch meistens mit etwas ironischem Anklang dargestellt. Die verschiedenen Begriffe werden im Rahmen des Essays für den Leser durchaus unterhaltsam präsentiert. Das Buch eignet sich hervorragend zum Querlesen und Schmökern. Man kann sich auch an zahlreichen, oft kuriosen Bildern ergötzen. Zielgruppe des Werkes dürfte doch ein eher bildungsbürgerlich orientiertes Publikum sein, da eben oft Bezug z.B. auf den Literaturkanon genommen wird. Wer daran ein Interesse mitbringt und mit Verweisen und Zusammenhängen auf und in der deutschen Geschichte etwas anfangen kann, der ist hier an der richtigen Adresse, denn das Buch ist kein rein soziologisches/germanistisches oder geschichtliches Sachbuch.
Fazit: Ein spannendes und teilweise sehr interessantes Projekt, manche Aufsätze sind vielleicht ein bisschen lang, andere dafür ein bisschen kurz. Insgesamt aber stimmig, anspruchsvoll und doch auch unterhaltsam. Ein Buch das zeigt, wie wichtig auch in Deutschland eine Beschäftigung mit der eigenen (auch nationalen) Identität ist.

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Thea Dorn; Richard Wagner (Autoren)
Die deutsche Seele
www.knaus-verlag.de
560 Seiten

Buchtipp: “Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens” von Hamed Abdel-Samad

14. Dezember 2011 jneidh Keine Kommentare

Der Tahrir-Platz in den Köpfen…

(Jan Neidhardt)

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972, ist ein deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler, der die revolutionären Ereignisse in Ägypten im Frühjahr 2011 hautnah miterlebt hat.

In “Krieg oder Frieden” schildert er seine Sicht der Dinge und unterbreitet darauf aufbauend Vorschläge, wie der Westen die arabischen Staaten, die sich ihrer Diktatoren entledigt haben, unterstützen kann um nicht den Ultrareligiösen die schnell gewonnene Oberhand zu ermöglichen.

Das Buch ist eigentlich nicht bei diesen Vorschlägen am spannendsten, sondern eher in Bezug auf die Darstellung, wie stark die Vernetzung durch das Internet via Facebook und Co in den arabischen Staaten Einfluss auf die politische Entwicklung nimmt. Der “arabische Frühling” ist, wie bei Lektüre des Buchs schnell deutlich wird, eigentlich ohne das web 2.0 und gerade Facebook kaum denkbar.

Spannend sind besonders die Verhältnisse in Ägypten dargestellt, weil immer wieder auch persönlich Bezüge thematisiert werden, ohne die das Buch wahrscheinlich wesentlich trockener ausfallen würde. Abdel-Samad war schließlich am Tahrir-Platz Zeuge und Mitakteur der Demonstrationen, die letztlich zum Sturz Mubaraks führten. Der Sturz, darüber lässt das Buch auch wenig Illusion, ist aber nur ein Teilschritt in Richtung einer Verbesserung, der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Die Ereignisse in Tunesien, in den Emiraten, Syrien und Libyen werden ebenfalls in diesen Kontext gestellt und analysiert. Interessant finde ich hier auch die Rolle, die Medien wie der Fernsehsender Al-Jazeera übernehmen und von wem und aus welchen Interessen heraus diese finanziert werden.

Es zeigt sich, dass hier sehr viele mitmischen und einmal mehr, dass der Islam, durchaus nicht die große Uniformität besitzt, die ihm westliche Medien gerne vereinfachend zuschreiben.

Das Buch ist mittlerweile vielleicht von der Geschichte schon wieder etwas überholt, man denke z.B. an den Sturz Gaddafis, der damals noch nicht vollzogen (wenn auch schon absehbar) war. Es ist spannend zu lesen, da die Ereignisse ein persönliches Gesicht bekommen und eine differenzierte Wahrnehmung der arabischen Welt ermöglicht wird.

Hamed Abdel-Samad (Autor)
Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens
www.droemer.de
236 Seiten