Archiv

Artikel Tagged ‘Sachbuch’

Buchtipp: Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt

20. Dezember 2012 sgruen Keine Kommentare

Absolute Beginner berichten

(Sigrid Grün)

Früher gab es die “alte Jungfer” und den “Hagestolz”, was keine Seltenheit, aber auch abwertend war. Heute sind Menschen ohne sexuelle und/oder Beziehungserfahrung im 21. Jahrhundert angekommen. Einige von ihnen sind im Netz im Forum “Absolute Beginner” aktiv und Maja Roedenbeck macht mit ihrem jüngsten Buch auf das Phänomen aufmerksam. Wir leben in einer Gesellschaft, die oversexed (und underfucked, wie es so schön heißt) ist. Schon Jugendliche leiden, wenn sie mit 13 noch nicht so weit sind wie Gleichaltrige. Was aber ist mit Menschen, die z.B. jenseits der 30 noch nie Sex hatten oder keine einzige Beziehung?
Zunächst einmal kann man festhalten: Solche Menschen sind keine Seltenheit und sie sind keineswegs Freaks. Von vielen weiß man es überhaupt nicht.
Sehr schön ist in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Buch: “Einer, der Klavier spielen kann, fragt einen, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ein paar Tasten drücken!’ Klingt absurd, oder? Jeder weiß, dass zum Klavierspielen mehr dazu gehört als bloß Töne erzeugen durch unbeholfenes Tastendrücken. Und ganz sicher weiß das der Klavierspieler selbst. So eine Frage würde er nicht stellen. Warum fragt dann einer, der Kontakt aufnehmen, flirten, Partner finden kann, einen Absolute Beginner, der das nicht kann: ‘Warum kannst du das denn nicht? Das kann doch nicht so schwer sein! Da muss man doch nur ausgehen und jemanden ansprechen?’ Die Antwort ist dieselbe wie beim Klavierspielen. Weil zum Partnerfinden mehr dazu gehört als diese methodischen Schritte. Weil man dazu mehr können muss als eine Anleitung befolgen.” (Verena, 26)
Wie ist das Buch gegliedert? Zunächst beschreibt die Autorin, worum es geht und welche Gründe es haben kann, dass viele Leute keinen Partner finden. Interessant ist hier, dass es in puncto Gender große Unterschiede gibt. Es gibt mehr männliche ABs - aber eben meist aus anderen Gründen als bei weiblichen ABs. Erläutert werden Gründe wie Bindungsangst, Schüchternheit, Perfektionismus, aber auch gesellschaftliche Aspekte.
Schließlich geht es um die Geschichten von einigen ABs und ABinen. Es melden sich Menschen zwischen Anfang 20 und Ende 40 zu Wort, die erzählen, wie es bei ihnen dazu gekommen ist, dass sie (noch) ABs sind. Bemerkenswert ist, dass auch schon recht junge Menschen sehr unter ihrer Unerfahrenheit leiden. Aber man muss einfach sehen, unter welchem Druck - vor allem Männer - mit Anfang 20 schon stehen. Erzählt werden die unterschiedlichsten Geschichten. Da geht es um eine Frau, die sich lange Zeit keine Gedanken über potenzielle Partner machen konnte, weil sie ihre eigene Geschichte zunächst verarbeiten musste. Es geht um einen Mann, der ursprünglich Priester werden wollte und deshalb den Anschluss verpasst hat oder um einen AB, der sich dazu entschlossen hat, zumindest sexuelle Erfahrungen mit Prostituierten nachzuholen. Die Geschichten zeigen sehr gut, wie unterschiedlich die Gründe geartet sind, die dazu führen können, dass man ein AB bleibt. Und manche Geschichten haben ein “happy end”.
Zum Schluss gibt es auch noch Tipps für ABs - von ABs und von Experten (etwa Psychologen).
Das Buch ist auf alle Fälle eine sehr interessante und einfühlsame Einführung in das Thema. Die Autorin bricht eine Lanze für Menschen, die (noch) ABs sind - das ist eine wichtige Botschaft, denn es ist einfach nicht in Ordnung Menschen wegen ihrer Unerfahrenheit zu stigmatisieren, was in unserer Gesellschaft immer noch sehr häufig der Fall ist. Hier kann man an das Zitat anknüpfend einfach nochmal sagen: “Können Sie Klavier spielen? Waaaas? Sie können es nicht??? Warum nicht? Das ist ja unglaublich!!”

9783861536888

Maja Roedenbeck (Autorin)
Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt
www.christoph-links-verlag.de
200 Seiten

Buchtipp: Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen

16. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Die “leeren” Zeiten des Alltags

(Jan Neidhardt)

Wenn man Oscar Wilde vertrauen darf, dann ist “Nichtstun [...] die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt”.
Das lässt sich auch leicht verifizieren. Die meisten Leute hassen es untätig z.B. auf die Reparatur des Autos warten zu müssen, oder Verspätungen in öffentlichen Verkehrsmitteln hinzunehmen, selbst wenn es sich nur um wenige Minuten von durch äußere Umstände auferlegte Untätigkeit handelt.
Bewusstes Nichts-tun oder auch Gar-nichts-tun, wie z.B. bei manchen Formen der Meditation, davon träumt man vielleicht schon öfter, wenn einem der Stress über den Kopf zu wachsen scheint, aber wer das einmal ausprobiert hat, weiß auch, wie schwierig es uns heute fällt einfach mal Stillstand zuzulassen.
Von dem was mit uns passiert, wenn vermeintlich nichts passiert, handelt das Buch der beiden schwedischen Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren “Nichtstun - Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen”.
Das gut lesbare und streckenweise sehr spannende Buch nähert sich auf kulturwissenschaftliche Weise durch Beobachtung, Befragung und Auswertung von Romanen jenen Zuständen, die hier auch als Hinterhöfe der Kultur beschrieben werden.
Das “Nichtereignis” wird nach drei Kategorien aufgeschlüsselt: Dem Warten, den Routinen und den Tagträumen. Es wird deutlich, wie wichtig z.B. Tagträume sind und wie sie, obwohl oft als unproduktive auch antisoziale Zeitverschwendung gebrandmarkt, in Wahrheit oft eine Quelle von Kreativität aber auch Erholung sind.
Routinen machen unseren Alltag zu dem was er ist, stellen aber auch, trotzdem sie als langweilig verachtet sind, eine ökonomische Stütze dar und sind auch - öfter als man meint - durchaus lustbetonte Verrichtungen, bei denen man wiederum gerne auf Tagträume zurückgreifen kann, wie z.B. beim Abwasch oder Malerarbeiten.
Das Warten stellt schließlich eine ganz essentielle Kulturerfahrung dar. Schon Kinder müssen Abwarten lernen, müssen ihre Bedürfnisse zugunsten mehr oder weniger organisierter Abläufe im Zaum halten. Wartezeiten können natürlich auch vielfach genutzt werden, man kann sie aber auch bewusst verstreichen lassen. Kulturtypisch ist auch die Erfahrung in der westlichen Welt, dass viele Menschen Teile ihres Lebens (oder auch das ganze) in einer Art Warteschleife zu verbringen scheinen.
Das Buch zeigt einfach sehr schön, dass eben “ungenutzte” Zeit, ob wir das anerkennen können oder nicht, ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens ist. Es zeigt, dass der Umgang mit dieser Zeit immer durch kulturelle Vorstellungen geprägt ist, abhängig von Zeit und Herkunft des betroffenen Menschen. Und es ist auch ein Buch, das Hoffnung machen kann, in Hinsicht darauf, dass eben in Zeiten der Ereignislosigkeit auch Potenzial zur Veränderung und zu einem kreativen Umgang mit sich selbst steckt.
Man muss es nur zulassen…

4112nf7wtql_sl500_aa300_

Billy Ehn; Orvar Löfgren (Autoren)
Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen
www.his-online.de
303 Seiten

Buchtipp: Landleben im römischen Deutschland

25. Juni 2012 sgruen Keine Kommentare

Hier wird römisches Landleben lebendig

(Sigrid Grün)

In Ostbayern finden sich nicht nur in Regensburg Spuren römischen Lebens. Auch im Umland sind verschiedene Reste römischen Landlebens zu entdecken, beispielsweise in Eining. Das von etwa 80 n. Chr. bis ins 5. Jahrhundert genutzte Kohortenkastell Abusina bildet einen Endpunkt des über 500 Kilometer langen Obergermanisch-Raetischen Limes. Die Römer sind in Ostbayern gewissermaßen allgegenwärtig und es lohnt, sich näher mit dem Alltagsleben in der Antike auseinanderzusetzen.
Das vorliegende Buch, Landleben im römischen Deutschland, herausgegeben von den beiden Archäologinnen Vera Rupp und Heide Birley, bietet dafür eine wunderbare Möglichkeit. Hier wird der Alltag auf dem Lande lebendig.
Das Buch ist sehr sinnvoll strukturiert und bringt in anschaulicher Form zahlreiche Informationen.
Zunächst führen einige Aufsätze von verschiedenen Autorinnen und Autoren in das Thema ein. Es geht um Quellen, wie z.B. antike Schriftsteller oder Darstellungen römischen Landlebens in der Kunst. Auch die Verwaltung im römischen Deutschland, Wasser- und Landstraßen, Ackerbau und Viehzucht, landwirschaftliche Geräte und Mühlen, Kleidung, Religion sowie Spiel, Spaß und Wellness sind Themen.
Anschließend geht es in den Aufsätzen um konkrete Villae rusticae, vici und archäologische Parks und Museen in Deutschland. Der Fokus liegt zwar auf den Spuren römischen Landlebens im Westen von Deutschland, doch auch südlichere Landgüter werden vorgestellt.
Die Texte sind sehr lebendig und spannend geschrieben und werden von vielen Bildern begleitet. Das Buch kann auch hervorragend im Schul- oder (erlebnis)pädagogischen Bereich eingesetzt werden, da es sehr gut gegliedert und didaktisch ausgeklügelt ist.

Fazit: Ein wunderschöner, spannender und informativer Bildband, der einen tollen Überblick liefert und den man rundum empfehlen kann!

9783806225730-b

Vera Rupp; Heide Birley (Herausgeberinnen)
Landleben im römischen Deutschland
www.theiss.de
194 Seiten

Buch-Tipp: Die deutsche Seele von Thea Dorn und Richard Wagner

20. Mai 2012 sgruen Keine Kommentare

Was ist deutsch und warum eigentlich?

(Sigrid Grün)

Thea Dorn und Richard Wagner sind bekannt: Dorn insbesondere als herausragende Krimiautorin (”Die Hirnkönigin”), Wagner vor allem als Romanautor und Ex-Ehemann von Nobelpreisträgerin Herta Müller. Dorn wuchs am Main auf, Wagner als Angehöriger einer deutschen Minderheit im rumänischen Banat. Wie nähern sich nun zwei Menschen - beide Deutsche, beide in völlig unterschiedlichen Kontexten sozialisiert - dem Thema “deutsche Seele” an?

Das Buch ist ein durchaus literarisches Sachbuch, das von zwei Autoren geschrieben wurde, die als Romanautoren selbst einen Bezug zur deutschen Literatur haben. Das merkt man den Texten auch an, da sie sprachlich gehoben sind und keine reinen Sach- oder Kolumnentexte. Den Themen widmen sich die beiden teilweise mit unterschiedlicher Intensität. Gleich am Anfang sieht man schon, dass von Thea Dorn z.B. Abendbrot und Abgrund mit unterschiedlicher Länge und Tiefe behandelt werden und dass hier das Interesse der Autorin doch eher im germanistischen als im Bereich der Alltagskultur anzutreffen ist. Wobei sich aber durchaus auch gewollte Überschneidungen ergeben, z.B. Thomas Mann und sein ‘Feierabendbierchen’. Das Buch könnte man von der Gesamtschau durchaus gut als ‘anspruchsvolle Unterhaltung’ bezeichnen, was aber nicht bedeuten soll, dass das Thema trivial wäre, sondern dass die Essays zu den Themen schon auch Hintergrundwissen und ein Bewusstsein für kulturelle Eigenheiten ‘des Deutschen’ (wenn man so sagen wollte) erfordern.
Im Buch geht es, grob gesagt, um so etwas wie das deutsche kulturelle Gedächtnis. Dinge, die ‘Deutschland’ zu dem machen, was es ist, oder zu sein scheint. Hier wird nicht eine zusammenhängende, vielleicht sogar chronologische Geschichte erzählt, den Start machen auch keine Theorien, was man allgemein als ‘deutsch’ bezeichnen könnte, nein, die Autoren haben gesammelt, durchaus auch subjektiv, welche Begriffe Deutschland charakterisieren und wie es eigentlich dazu gekommen ist. Da dürfen natürlich Begriffe wie Ordnungsliebe und Kleinstaaterei, Schadenfreude oder Reinheitsgebot und Spießbürger nicht fehlen. Aber es gibt auch Überaschendes wie Pfarrhaus, Forschungsreise und Freikörperkultur zu entdecken. Ich habe allerdings die Pünktlichkeit vermisst! Jedenfalls wird der Begriff dann meist geschichtlich, oft auch mit persönlichem Bezug und auch meistens mit etwas ironischem Anklang dargestellt. Die verschiedenen Begriffe werden im Rahmen des Essays für den Leser durchaus unterhaltsam präsentiert. Das Buch eignet sich hervorragend zum Querlesen und Schmökern. Man kann sich auch an zahlreichen, oft kuriosen Bildern ergötzen. Zielgruppe des Werkes dürfte doch ein eher bildungsbürgerlich orientiertes Publikum sein, da eben oft Bezug z.B. auf den Literaturkanon genommen wird. Wer daran ein Interesse mitbringt und mit Verweisen und Zusammenhängen auf und in der deutschen Geschichte etwas anfangen kann, der ist hier an der richtigen Adresse, denn das Buch ist kein rein soziologisches/germanistisches oder geschichtliches Sachbuch.
Fazit: Ein spannendes und teilweise sehr interessantes Projekt, manche Aufsätze sind vielleicht ein bisschen lang, andere dafür ein bisschen kurz. Insgesamt aber stimmig, anspruchsvoll und doch auch unterhaltsam. Ein Buch das zeigt, wie wichtig auch in Deutschland eine Beschäftigung mit der eigenen (auch nationalen) Identität ist.

130_0451_122477_xl

Thea Dorn; Richard Wagner (Autoren)
Die deutsche Seele
www.knaus-verlag.de
560 Seiten

Buchtipp: “Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens” von Hamed Abdel-Samad

14. Dezember 2011 jneidh Keine Kommentare

Der Tahrir-Platz in den Köpfen…

(Jan Neidhardt)

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972, ist ein deutsch-ägyptischer Politikwissenschaftler, der die revolutionären Ereignisse in Ägypten im Frühjahr 2011 hautnah miterlebt hat.

In “Krieg oder Frieden” schildert er seine Sicht der Dinge und unterbreitet darauf aufbauend Vorschläge, wie der Westen die arabischen Staaten, die sich ihrer Diktatoren entledigt haben, unterstützen kann um nicht den Ultrareligiösen die schnell gewonnene Oberhand zu ermöglichen.

Das Buch ist eigentlich nicht bei diesen Vorschlägen am spannendsten, sondern eher in Bezug auf die Darstellung, wie stark die Vernetzung durch das Internet via Facebook und Co in den arabischen Staaten Einfluss auf die politische Entwicklung nimmt. Der “arabische Frühling” ist, wie bei Lektüre des Buchs schnell deutlich wird, eigentlich ohne das web 2.0 und gerade Facebook kaum denkbar.

Spannend sind besonders die Verhältnisse in Ägypten dargestellt, weil immer wieder auch persönlich Bezüge thematisiert werden, ohne die das Buch wahrscheinlich wesentlich trockener ausfallen würde. Abdel-Samad war schließlich am Tahrir-Platz Zeuge und Mitakteur der Demonstrationen, die letztlich zum Sturz Mubaraks führten. Der Sturz, darüber lässt das Buch auch wenig Illusion, ist aber nur ein Teilschritt in Richtung einer Verbesserung, der politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Die Ereignisse in Tunesien, in den Emiraten, Syrien und Libyen werden ebenfalls in diesen Kontext gestellt und analysiert. Interessant finde ich hier auch die Rolle, die Medien wie der Fernsehsender Al-Jazeera übernehmen und von wem und aus welchen Interessen heraus diese finanziert werden.

Es zeigt sich, dass hier sehr viele mitmischen und einmal mehr, dass der Islam, durchaus nicht die große Uniformität besitzt, die ihm westliche Medien gerne vereinfachend zuschreiben.

Das Buch ist mittlerweile vielleicht von der Geschichte schon wieder etwas überholt, man denke z.B. an den Sturz Gaddafis, der damals noch nicht vollzogen (wenn auch schon absehbar) war. Es ist spannend zu lesen, da die Ereignisse ein persönliches Gesicht bekommen und eine differenzierte Wahrnehmung der arabischen Welt ermöglicht wird.

Hamed Abdel-Samad (Autor)
Krieg oder Frieden - Die arabische Revolution und die Zukunft des Westens
www.droemer.de
236 Seiten

Buchtipp: Kein schönes Land in dieser Zeit von Mehmet Gürcan Daimagüler

21. November 2011 sgruen Keine Kommentare

Ein sehr persönliches Buch - gut so!

(Sigrid Grün)

Was bedeutet es für einen “nicht-deutschstämmigen” Menschen, in Deutschland aufzuwachsen und zu leben? Wie fühlt es sich an, wenn der Ort, den man selbst als seine Heimat wahrnimmt keinerlei Heimatgefühle aufkommen lässt, weil man ganz offensichtlich nicht erwünscht ist? Warum wird so vielen Menschen mit Migrationshintergrund eine erfolgreiche Integration verwehrt? Integration bedeutet nämlich nicht einfach, dass man alles gut findet, was “im eigenen Viertel” oder eben im Land, in dem man lebt, passiert. Zur Integration gehören immer zwei Seiten. Man kann nicht sagen: “So! Jetzt integriert euch doch bitte mal! Aber flott!” Man muss bereit sein, Menschen auch willkommen zu heißen und nicht nur das Schlechteste von ihnen zu erwarten.

Mehmet Gürcan Daimagüler, promovierter Jurist, “World Fellow” der Yale University und “Littauer Fellow” der Harvard University erzählt in diesem Buch von seinem Leben als türkischstämmiger Mann in Deutschland. Er berichtet offen von Problemen und nimmt sich selbst aus seiner Kritik nicht heraus. Eindrucksvoll schlägt er einen Bogen von seiner ganz persönlichen Geschichte zur gesellschaftspolitischen Debatte, die in Deutschland immer aktuell ist und von einem deutschen Volkswirt und Bestsellerautor besonders angeheizt wurde.
In einem streckenweise recht polemischen Vorwort geht der Autor auf die üblichen Vorwürfe ein und zeigt auf, wie inkonsequent hier vorgegangen wird. Verlangt man von Migranten möglicherweise automatisch sehr viel mehr, als man von einem deutschstämmigen Menschen erwarten würde? Die Polemik geht mir hier stellenweise allerdings ein bisschen zu weit - sicher ist sie ein Stilmittel, das immer zieht - aber ob es sinnvoll ist, auf Rassismus mit Rassismus zu antworten, bezweifele ich sehr. Beispielsweise: “Ihr beschwert euch doch gerne über manche unserer Jungs, die manche eurer Mädchen für Schlampen halten. Aber wisst ihr was? Manche eurer Mädchen benehmen sich wie Schlampen. In manchen Ländern der Welt wartet man bis zur Ehe, bevor man zum ersten Mal Sex hat.” (S. 13) Ok, die konservative Keule mag in Deutschland oft gut ankommen, besser wird sie dadurch aber auch nicht. Und Rassismus ist es eben auch zu sagen “deutsche Mädchen benehmen sich wie Schlampen” - auch wenn es durch ein “manche” etwas entkräftet wird. Und die deutschen Jungs, die mit dem Prädikat “Schlappschwanz” versehen werden, kommen auch nicht gut davon. Hier werden kulturelle Unterschiede einfach bewertet - und die deutsche Seite abgewertet. Klar ist es oft schwer - eigentlich nahezu unmöglich - hier objektiv zu bleiben. Trotzdem hätte man es versuchen können. Vor dem Hintergrund seiner persönlichen Geschichte erschließt sich einem die Einleitung eher. Verletzen können nur Verletzte…

Welche Verletzungen hat Daimagüler erfahren? Viele! Von Kindesbeinen an (und das ist die größte Grausamkeit, die mich am meisten erschüttert!) erlebt er die Ausgrenzung. In der Schule wird er aufgrund seiner Schüchternheit fast in die Sonderschule gesteckt. Eine nette alte Dame, die zum Glück im gleichen Haus wie die Daimagülers wohnt, greift jedoch ein und verhindert dies. Sie wird der Familie noch öfter helfen - und diese Botschaft ist einfach schön: Es gibt auch Menschen, die den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren haben. In jeder Altersgruppe. Und man merkt, wie wichtig das für die Entwicklung des Autors als Kind war. Von Anfang an erlebt Daimagüler also die Schikanen, die Hürden im Alltag, die kleineren und größeren Gemeinheiten - bis zum heutigen Tag. Er schreibt offen über eigene Fehler, Probleme, Zeiten der Depression - kein Wunder: keiner kann glücklich sein, wenn er sich nicht willkommen fühlt. Und er berichtet von seinen beruflichen Erfolgen, die er trotz - oder gerade aufgrund - der erschwerten Bedingungen, erzielen konnte.

Mich persönlich hat das Buch sehr beeindruckt, wird hier doch eine Geschichte erzählt, die auf den ersten Blick vielleicht als große Ausnahme erscheint, aber eben nur auf den ersten Blick! Die meisten anderen Menschen mit Migrationshintergrund haben wahrscheinlich nicht das Glück eine so nette Nachbarin zu haben, die sich für sie einsetzt oder es fehlen andere Faktoren. Aber im Grunde genommen wünschen sich alle Menschen das Gleiche: Liebe, Anerkennung, Respekt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

023_06694_111109_xl

Mehmet Gürcan Daimagüler (Autor)
Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration
www.guetersloherverlagshaus.de
239 Seiten

Buchtipp und Lesung: Die 10 größten Erziehungsirrtümer

25. Oktober 2011 sgruen Keine Kommentare

Was läuft falsch und was könnte man besser machen?

(Sigrid Grün)

Wenn zwei Hirnforscher über Erziehung schreiben, klingt das schon mal spannend - immerhin will man als Erziehender wissen, was man falsch macht und wie man es besser machen könnte.
Ralph Dawirs und Gunther Moll haben nun die 10 größten Erziehungsirrtümer aufgegriffen und schreiben unterhaltsam darüber, wie aktuell die heute (immer noch) übliche Erziehungspraxis ist.
“Iss deinen Teller leer!” und “Nur die Leistung zählt!” sind zwei solche Klassiker. Welcher Vater oder welche Mutter hat sich noch nie Sorgen über die optimale Nährstoffzufuhr des eigenen Kindes gemacht? Hier wird gerne mit Druck und Drohungen gearbeitet. Und eigentlich ist heute auch schon hinlänglich bekannt, dass solche Methoden eher kontraproduktiv sind und das Kind entweder Angst bekommt oder einen nicht mehr ernst nimmt.
Trotzdem halten sich solche Grundsätze immer noch beharrlich.
Wie aber sollte eine “gute” Erziehung aussehen?
Dawirs und Moll gehen der Sache auf den Grund, ohne belehrend zu wirken. Und letztendlich ist es gar nicht so schwer ein Kind so zu erziehen, dass es glücklich ist.
Bei dem Buch handelt es sich um keinen Erziehungsratgeber - und das ist gut so! Man sollte keine konkreten Tipps erwarten. Als Leser wird man auf alle Fälle zum Nachdenken angeregt. Etwa wenn es um das Thema Fernsehen geht. In den USA gibt es zum Beispiel den Sender BabyFirstTV (mittlerweile gibt es auch schon eine deutschsprachige Version!), dessen Zielgruppe die 6 Monate bis 3 Jahre alten Kinder umfasst. Der Sender wirbt damit, dass seine “Tagesprogramme fesseln und unterhalten, während Nachtprogramme dabei helfen, Ihr Baby zu beruhigen und auf den Schlaf einzustimmen.” Kein Wunder, dass es einen derartigen Kanal gibt, konsumieren in den USA doch 70% der unter 2-jährigen Kinder täglich Fernsehen und Videos. Ganz so beliebt ist das Fernsehen in deutschen Familien noch nicht, aber immerhin nutzen auch hierzulande viele Eltern den Fernseher als Babysitter. Wie unsinnig das ist, erläutern die Autoren in einem eigenen Kapitel - allerdings verteufeln sie das Medium Fernsehen nicht vollständig. Bei größeren Kindern können ausgesuchte Sendungen schon in Maßen gesehen werden. Heute wird man schwer daran vorbei kommen. Allerdings sollte man auch ältere Kinder nicht vor den Fernseher abschieben - um mal zwischendurch seine Ruhe zu haben.
Die zehn Fragen, die im Mittelpunkt stehen, lauten:
1. Brauchen Eltern einen Erziehungsführerschein?
2. Kleine Kinder, kleine Sorgen?
3. Macht Essen groß und stark?
4. Macht Fernsehen dumm?
5. Sind Computer gefährlich?
6. Ist Erziehung nur eine ernste Angelegenheit?
7. Zählt nur die Leistung?
8. Mutter oder beste Freundin? Wie der Vater, so der Sohn?
9. Die “verdorbene Jugend” - sind Normen und Werte noch zeitgemäß?
10. “Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst” - brauchen Jugendliche Erziehung?
Amüsant - und manchmal auch erschreckend - sind die Passagen, in denen die Autoren z.B. aus beliebten Foren zitieren (etwa netmoms). Das Buch ist abwechslungsreich und spannend, amüsant und informativ. Eine lohnende Lektüre - nicht nur für Eltern, sondern auch für alle, die es werden wollen oder die anderweitig mit Kindern zu tun haben!

Heute findet ab 20.30 Uhr bei Bücher Pustet (Gesandtenstraße) in Regensburg eine Lesung mit Moderation des Autors Ralph Dawirs statt.

38d39a31e4

Ralph Dawirs; Gunther Moll (Autoren)
Die 10 größten Erziehungsirrtümer und wie wir es besser machen können
www.beltz.de
216 Seiten

Zerfallstudien

9. Juli 2011 lweser Keine Kommentare

Buchtipp: Sascha Keilholz: Zerfallstudien. Verlusterfahrungen im Nordamerikanischen Independent Kino 1991-2002.

Sascha Keilholz ist Medienwissenschaftler in Regensburg. Studiert hat Keilholz in Berlin, wo er als Redakteur bei critic.de arbeitet und die Filmpremierereihe “debut” im Babylon Kino mitinitiierte.
In Regensburg fiel Keilholz erstmals durch verschiedene Filmreihen des Lehrstuhls für Medienwissenschaft in der Filmgalerie im Leeren Beutel auf. “Spotligths” heiß eine dieser Reihen, die sich mit dem amerikanischen Independebt Kino beschäftigen. Nun ist “Spotlights” wieder da, allerdings im Anderasstadel, wo Keilholz in diesem Jahr auch das von ihm gegründete Heimspiel - das Filmfestival des deutschen Film ins dritte Jahr führt. Bei “Spotlights” ist unter anderem Quentin Tarantinos Reservoir Dogs, Wes Andersons Rushmore oder Gus Van Sants Gerry zu sehen.
Keilholz´ Vorlieben für das aktuelle deutsche Kino und das amerikanische Independent Kino sind konsant. Letzteres war bereits Gegenstand seiner Magisterarbeit, die überarbeitet und erweitert 2009 in der Reihe “Studien zu Theater, Film und Fernsehen” unter dem Titel Zerfallstudien. Verlusterfahrungen im Nordamerikanischen Independent Kino 1991-2002, im Verlag Peter Lang erschien.
Er befasst sich mit den Filmen des Post-New Hollywoods, deren gemeinsame Tendenz von Keilholz als “Zerfallsstudien” bezeichnet wird. Unter dem Kapitel “Seelen einer Winterlandschaft” analysiert er Atom Egoyans The sweet Hereafter (USA 1997), Schraders Afflictin (USA 1998) und Ang Lees The Ice Storm (USA 1997). Im darauffolgendem Kapitel “Die Rache ist mein” beschäftigt er sich mit Todd Fields In the Bedroom (USA 2001, der auch in der Spotlight Reihe zu sehen ist).
Im Zentrum der Arbeit steht allerdings das wissenschaftlich bisher stark vernachlässigte Regiewerk von Sean Penn. Bevor Keilholz sich mit The Pledge dem Reemake Penns von Es geschah am helllichten Tag befasst, untersucht er in zwei gesonderten Kapiteln jeweils Dürrenmatts Vorlage Das Versprechen und obengenannte Verfilmung mit Gert Fröbe und Heinz Rühmann von Ladislao Vajda aus dem Jahr 1958. Laut Keilholz handelt es sich bei The Pledge eben nicht um ein Remake des Filmes, sondern um eine Neuverfilmung von Dürrenmatts Roman.
Spike Lees 25th Hour widmet er sich im letzten Kapitels “Nach dem Zerfall”.

Keilholz Analysen sind gut gegliedert und kenntnisreich. Die Arbeit ist leicht lesbar und fern jedes elitären und codierten Wissenschaftsgehabes.

Sascha Keilholz: Zerfallstudien. Verlusterfahrungen im Nordamerikanischen Independent Kino 1991-2002.
In: Studien zum Theater, Film und Fernsehen, Bd. 45.
Peter Lang (2009)
139 Seiten; 27,50 €

—-

Spotlights. Amerikanisches Independet Kino
jeweils 20.00 Uhr im Akademiesalon-Kino im Andreasstadel, Regensburg
13. Juli 2011, Todd Field: In the Bedroom
20. Juli. 2011, Gus Van Sant Gerry

Buchtipp: Kleine jüdische Geschichte

12. Dezember 2010 sgruen Keine Kommentare

Eine Wanderung durch 3.000 Jahre jüdischer Geschichte

(Sigrid Grün)

Für alle die sich tiefgreifender mit dem jüdischen Leben und vor allem der jüdischen Geschichte beschäftigen wollen, dürfte Michael Brenners “Kleine jüdische Geschichte” das Buch der Wahl sein.
Dieses Buch führt spannend und gut verständlich geschrieben durch 3000 Jahre jüdischen Lebens.
Der Autor liefert hier ein umfassendes Kompendium der Geschichte des Judentums, ausgehend von der mythischen Frühzeit bis in heutige Tage. Im Anhang finden sich Statistiken über jüdische Bevölkerungszahlen in verschiedenen Ländern im Laufe der Vergangenheit sowie umfassende Literaturhinweise zum Nachschlagen und Weiterlesen.
Besonders positiv erscheinen auch die zahlreichen aussagekräftigen Bilder, die den Text auflockern und erhellen. Didaktisch gelungen ist die Idee, die verschiedenen Kapitel und Stationen der jüdischen Geschichte als Wanderweg zwischen den damit in Verbindung stehenden Orten darzustellen. Das Kapitel über die Entstehung des aschkenasischen Judentums, also ursprünglich des Judentums in Mitteleuropa ist beispielsweise überschrieben mit “Von Lucca nach Mainz”. Wie man hier erfährt, stammten die ersten Juden in Deutschland aus der Lombardei und siedelten sich zuerst in Mainz an.
Die Richtung des Buchs geht meist chronologisch vor:
Beginn mit der Zeit der Antike und der Bibel, Mittelalter und Frühe Neuzeit in Europa und unter islamischer Herrschaft, über Mittel- und Osteuropa in der Neuzeit, nach Westeuropa und Amerika, schließlich geht es auch um den modernen Antisemitismus und den Holocaust, sowie den Zionismus und Israel.
In diesem Buch wird das Judentum nicht nur als Religion, sondern auch als Teil der gesamten Geschichte erfahrbar. Immer wieder kommt es hier zu Abgrenzungen, aber auch zum Austausch unter den Kulturen und es erstaunt, wie es gelingen konnte, dass sich das Judentum, dass ja immer als Religion einer Minderheit in Erscheinung getreten ist, unter so vielen Einflüssen doch eine starke Eigenständigkeit bewahren konnte.
In der “Kleinen jüdischen Geschichte” ist das Kunststück gelungen, eine echte Übersicht zu mehr als 3000 Jahren des Judentums zu schaffen und das auch noch auf relativ kleinem Raum (384 Seiten) und dabei auch für Laien lesbar und interessant zu bleiben.

Michael Brenner (Autor)
Kleine jüdische Geschichte
www.chbeck.de
380 Seiten

60+1 Jahr(e) Bayerischer Rundfunk

7. Dezember 2010 ffranc Keine Kommentare

In diesem Jahr ist die ARD 60 Jahre alt geworden. Den BR gibt es bereits ein Jahr länger und Radioaustrahlungen gibt es in Bayern gar seit 85 und einem Jahr. 1924 beginnt in Bayern das Rundfunkzeitalter. Am 30. März 1924, Punkt 17.00 Uhr wurde die erste Sendung im Auditorium Maximum der Münchner Universität ausgestrahlt vor 155 angemeldeten Rundfunkteilnehmern. Am 25. Januar 1949 ist die Geburtsstunde des öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunks.

Der umfangreiche Band (immerhin 300 Seiten) ist in acht Kapitel untergliedert. Die einzelnen Kapitel sind jeweils in einen darstellenden Teil und einen Anhang mit “Hintergründen und Dokumenten” eingeteilt. Dabei wird chronologisch von den Anfängen 1922 bis heute vorgegangen. So beginnt das Buch mit “Dem ersten Ton” in Bayern, geht weiter mit “der Gleichschaltung” und “dem Radio München unter amerikanischer Aufsicht”. Die 50er Jahre waren dann “das Hörfunkjahrzehnt”. Das darauf folgende Kapitel widmet sich “Den Anfängen des Fernsehens” von 1954 bis 1969 usw. Die reiche Bebilderung illustriert und dokumentiert. Oft entfährt dem Leser ein Laut des Wiedererkennens: “Aha” oder “Ach Der”. Manchmal führen die Fotos auch zum einen oder anderen Lacher, zum Beispiel beim Foto der Kommissare Batic und Leitmayr aus dem Jahr 1991. Ein bisschen unkritisch ist die gesamte Dokumentation trotz aller Bemühungen. Das Absetzen des “Scheibenwischers” 1986 wird z.B. eher zu rechtfertigen versucht, statt (selbst)kritisch beleuchtet.

Für einen schnellen Überblick, zur Vertiefung und leichteren Handhabung, ist das Buch mit einer Zeittafel, weiterführende Literaturhinweisen und einem Personen-Register versehen. Ein zusätzliches Stichwortregister wäre auch schön gewesen. Wenn man z.B. eine bestimmte Sendung sucht oder mehr über die Rolle der Frau im BR wissen möchte, tut man sich schwer. Der Titel “Ein bisserl was geht immer” stammt übrigens aus der Erfolgsserie “Monaco Franze”.

bisserlwas
»Ein bisserl was geht immer«
Die Geschichte des Bayerischen Rundfunks

von Karl-Otto Saur

………………………………………………………………………………………

Deutscher Taschenbuch Verlag, 2009
304 Seiten
19,90 €

www.dtv.de