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Artikel Tagged ‘Roman’

Buchtipp: Ich, Eleonore, Königin zweier Reiche

20. August 2015 sgruen Keine Kommentare

Eleonore von Aquitanien erzählt ihr Leben

(Sigrid Grün)

Eleonore von Aquitanien ist eine der schillerndsten Frauenfiguren des Mittelalters. Sie war nicht nur französische, sondern auch englische Königin und Mutter von Richard Löwenherz. Die fränkische Autorin Sabine Weigand hat ihr nun einen historischen Roman gewidmet, der - wie bei Weigand üblich - intensiv recherchiert ist und auch mit Originalquellen versehen wurde.
Bei ihrem neuen Roman wendet Weigand einen sehr gelungenen erzählerischen Kniff an: sie lässt Eleonore selbst von ihrem Leben berichten. In einer Rahmenerzählung, die im Jahr 1200 spielt, holt sie ihre Enkelin Blanche aus Kastilien ab, um das Mädchen nach Frankreich zu bringen, wo sie mit dem französischen König vermählt werden soll. Die mittlerweile schon betagte Eleonore beginnt ihr Leben zu erzählen, um ihre Enkelin über das Leben als Königin aufzuklären und um sich alles noch mal vor Augen zu führen und von der Seele zu reden. Und das ist eine ganze Menge. Eleonore wurde zu Lebzeiten verehrt und verachtet. Sie war eine starke Frau, die immer Wert darauf legte, an der Herrschaft beteiligt zu sein. Vor allem ihr Herzogtum Aquitanien lag ihr immer am Herzen.
Bereits früh verliert sie die Mutter und etwas später auch den Vater. Noch als Kind wird sie aber mit dem französischen Thronfolger, Ludwig VII. verheiratet. Doch was sie erwartet ist keineswegs der leidenschaftliche Mann, den sie sich unter einem König vorgestellt hatte. Stattdessen ist ihr Gatte ein Frömmler, der seinen ehelichen Pflichten kaum nachzukommen vermag. Sie versucht ihm trotzdem eine gute Frau zu sein, leidet aber zusehends unter Ludwig, der immer noch unter der Fuchtel seiner Mutter steht. Auf dem Weg ins Heilige Land - Eleonore fährt mit auf den Kreuzzug - kommt es schließlich zum Bruch. Zwei Töchter schenkt sie ihrem Mann, aber keinen Thronfolger. Sie treibt Ludwig schließlich dazu, die Ehe auflösen zu lassen und heiratet unmittelbar danach den sehr viel jüngeren Henry Plantagenet, der bald nach der Hochzeit englischer König wird und somit Eleonore zur Königin macht. Zu Beginn der Ehe kennen Liebe und Leidenschaft kaum Grenzen. Genau wie Ludwig verehrt Henry Eleonore aufgrund ihrer Schönheit, mit dem Unterschied, dass Henry das auch entsprechend zum Ausdruck bringen kann. Die Ehe ist sehr “ertragreich” - vier Söhne und drei Töchter werden geboren und erreichen das Erwachsenenalter. Doch sowohl Henry als auch Eleonore sind machthungrig und keiner will nachgeben. Gemeinsam mit ihren ersten drei Söhnen versucht Eleonore den Tyrannen Henry zu stürzen…
Hier begegnen dem Leser bekannte historische Gestalten wie Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen, Richard Löwenherz, Johann Ohneland und viele andere. Auch ohne historische Vorkenntnisse gewinnt man einen guten Einblick in die Machtverhältnisse zwischen den Capetingern und den Plantagenets. Auch die Kreuzzugsthematik wird behandelt.
Sabine Weigand ist wieder einmal ein opulenter, spannender und hervorragend recherchierter historischer Roman gelungen, der den Leser in die Welt des Mittelalters entführt. Die Sprache und der Witz sind dabei modern und machen die Lektüre zu einer sehr angenehmen und rundum gelungenen Lektüre.

Sabine Weigand (Autorin)
Das Buch der Königin
www.fischerverlage.de
460 Seiten

Buchtipp: Ostende, 1936. Sommer einer Freundschaft (Volker Weidermann)

1. August 2014 sgruen Keine Kommentare

Ein “dunkler Sommer” inmitten einer belgischen Strandidylle

(Sigrid Grün)

Der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Volker Weidermann hat sich in seinem jüngsten dokumentarischen Roman “Ostende, 1936″ der Freundschaft zwischen zwei Exilschriftstellern gewidmet, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Stefan Zweig, der Mann von Welt und Millionär und Joseph Roth, der Säufer und “Grantl-, Schimpf- und Hasskönig des Exils”. Am Strand von Ostende, im Café Flore verbringen sie gemeinsam mit einer illustren Gesellschaft, die aus verschiedenen Künstlern auf der Flucht vor dem deutschen Faschismus besteht, einen denkwürdigen Sommer. Egon Erwin Kisch und seine Frau, Willi Münzenberg, Hermann Kesten, Ernst Toller und seine junge Gefährtin Christiane Grautoff gehören ebenso zur “Gesellschaft der Stürzenden” wie Irmgard Keun, die Deutschland als einzige ohne Zwang verlassen hat. Zwar wurden ihre Schriften verboten, doch verfolgt wurde sie nicht. In diesem “dunklen Sommer” begegnet sie Joseph Roth, dessen letzte Liebe sie sein wird. Die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Menschen haben vor allem eine Gemeinsamkeit, den Alkoholismus, den sie immer wieder als einzige Möglichkeit die Welt zu ertragen beschreiben und als Grundbedingung für ihr Schreiben. Währenddessen versucht Zweig seinen schwermütigen und kranken Freund vom Trinken wegzubringen. Er ist fast wie eine Mutter, die aus dem Sohn einen besseren Menschen zu machen versucht und ihm trotzdem immer wieder Geld gibt, damit er nicht ganz unter die Räder kommt.

Volker Weidermann ist ein feinsinniges, atmosphärisches und höchst interessantes Buch gelungen. Zahlreiche Anekdoten und Zitate machen aus “Ostende, 1936″ auch noch eine äußerst unterhaltsame Lektüre, die in all der Bedrückung auch für Lacher sorgt. Ein wunderbares Sommerbuch, das ich jedem literarisch Interessierten ans Herz legen kann.

Volker Weidermann (Autor)
Ostende, 1936. Sommer einer Freundschaft.
www.kiwi-verlag.de
160 Seiten

Buchtipp: Der Sommer der Wildschweine (Birgit Vanderbeke)

12. Juli 2014 sgruen Keine Kommentare

Erschütterungen

(Sigrid Grün)

Der Eventmanager Milan und die Texterin (neudeutsch Content Agentin) Leo machen seit vielen Jahren wieder Urlaub. Im südfranzösischen Dörfchen Fontarèche mieten sie sich im Haus eines Bekannten ein, weil sie dem Alltagstrubel entkommen möchten. Doch selbst vor dieser entlegenen Ecke in den Cevennen hat die Globalisierung nicht Halt gemacht - im Gegenteil. Obwohl die jungen Bewohner die Gegend wegen der Arbeitslosigkeit längst verlassen haben und nur noch einige Alte übrig sind, die nicht-EU-genormtes Gemüse im eigenen Garten anbauen, sind die schrumpfenden Dörfer von einer Gefahr bedroht, die man nicht erahnen konnte. Land Grabbing lautet ein Schlüsselbegriff - Ölkonzerne führen Probebohrungen in den umliegenden Bergen durch und erschüttern damit die südfranzösische Idylle. Es ist eine beschädigte Welt, die hier gezeigt wird, eine ländliche Region, die sich in einem Transformationsprozess befindet, der uns unmenschlich erscheint, weil die Ziele von Konzernen sich nicht mit den Bedürfnissen von den Menschen und Tieren in der Gegend vereinbaren lassen. Während die erwachsenen Kinder von Milan und Leo ihr Glück in Manchester (wo den Sohn Johnny eigentlich nichts außer seiner Frau Debbie hält) und New York (dort macht die 18-jährige Tochter Anouk ein Praktikum bei einer Sklaventreiberin und Schnepfe in der Modebranche) suchen, sind Milan und Leo in der Nähe von Frankfurt geblieben. Milan verliert während der Wirtschaftskrise sein Unternehmen und muss anfangen für eine andere Firma zu arbeiten, während Leo nun nicht mehr Texte verfasst, sondern Content generiert. Über die Krise rettet sie eigentlich ihr Sohn Johnny, der in der IT-Branche erfolgreich ist und seit seiner frühen Jugend von 3D-Welten träumt, während Anouk ihre Strickleidenschaft auslebt und sich für Ökoprojekte engagiert.

Aus der Sicht von Leo wird hier die Geschichte des globalisierten Menschen erzählt, der in einer eigentlich viel zu komplexen Welt überleben muss und sein Glück sucht - mal in den fantastischen 3D-Welten von Computersimulationen, mal in der auf die Spitze getriebenen Strickkunst. Hier werden Transformationsprozesse deutlich, in deren Rahmen der Mensch in eine Welt katapultiert wird, die auch dort, wo sie noch als unangetastet galt eine beschädigte ist, zerstört durch die Erschütterungen, die dem Leser hier gleich in mehreren Bildern begegnen. Die Luft und der Boden vibrieren in der südfranzösischen Provinz und man spürt das dräuende Unheil, das auch die Wildschweine aus ihrem gewohnten Lebensraum in den Bergen in die Täler treibt, wo sie die Gärten der letzten verbliebenen Bewohner verwüsten.

Birgit Vanderbeke, die selbst seit vielen Jahren in Südfrankreich lebt, ist wieder einmal ein wunderbares Buch gelungen, das den globalisierten Menschen unglaublich präzise beschreibt. Eine Lektüre, die rundum empfehlenswert ist!

Birgit Vanderbeke (Autorin)
Der Sommer der Wildschweine
www.piper.de
160 Seiten

Buchtipp: Das Buch der Königin (Sabine Weigand)

25. Juni 2014 sgruen Keine Kommentare

Opulentes Werk über das Leben der sizilianischen Königin Konstanze

(Sigrid Grün)

Sizilien im 12. Jahrhundert - das Herrschergeschlecht der Hauteville regiert das Königreich weise, Roger und seine Nachfahren sind bei der Bevölkerung beliebt. Eine Tochter König Rogers, Konstanze, möchte kein Spielball der Herrscherhäuser werden und auf eine Heirat verzichten. Der Papst ist über diese Entscheidung mehr als erfreut, denn auf diese Weise bleibt ihm eine “staufische Zange”, die den Kirchenstaat von Norden und Süden bedrängen könnte, erspart. Stauferkaiser Barbarossa wünscht allerdings ausdrücklich eine Heirat seines Sohnes Heinrich - aus machtpolitischen Gründen natürlich - mit der bedeutend älteren Konstanze von Sizilien, denn Rogers männliche Nachfahren sterben schneller weg, als neue gezeugt werden können. Und so spekulieren die Staufer auf die endgültige Vorherrschaft in Europa. Gegen ihren Willen werden Konstanze und Heinrich VI. vermählt und auf dem Kreuzzug, den Friedrich Barbarossa von Regensburg aus gestartet hat, ertrinkt der Kaiser. Heinrich wird sein Nachfolger und Konstanze die Frau an seiner Seite. Der heiß ersehnte Nachwuchs bleibt jedoch viel zu lange aus. Während der grausame Heinrich seine Machtgier auslebt und dabei über Leichen geht, befindet sich an seinem Hofe ein junger Mann, der über außergewöhnliche künstlerische Fähigkeiten verfügt und dessen Vergangenheit ein Geheimnis bleiben muss. Gottfried der Schreiber und seine Schwester Hemma werden von einem rachsüchtigen Ritter verfolgt, der nur eines im Kopf hat: den Tod des vermeintlichen Mörders seiner Tochter…
Sabine Weigand ist Historikerin, die sich besonders gerne historischen Personen widmet. Königin Konstanze ist eine faszinierende Figur der Weltgeschichte, der bisher noch nicht viel Aufmerksamkeit zukam. Während es zahlreiche Publikationen über Friedrich I. Barbarossa gibt, blieb Konstanze bisher eher eine Figur im Hintergrund, der Weigand nun einen ehrenvollen Platz zugewiesen hat. An der Seite des grausamen Kaisers ist sie die beim Volk beliebte Königin, die nicht gegen jegliche Prinzipien und Versprechen verstößt wie ihr machthungriger Gatte. Sie hält stand, während er immer wieder nur seine eigenen Interessen durchsetzt und auf moralische Erwägungen verzichtet. Der Autorin gelingt es die Handlungsstränge geschickt zu verweben und einen opulenten historischen Roman mit Intrigen und Verschwörungen auf der einen Seite und romantischen Liebesgeschichten auf der anderen Seite zu komponieren, der bis zur letzten Seite spannend ist.

Sabine Weigand (Autorin)
Das Buch der Königin
www.fischerverlage.de
460 Seiten

Buch-Tipp: “untitled” von Joachim Bessing

14. April 2013 sgruen Keine Kommentare

Liebenderweise

(Sigrid Grün)

Was nützt die Liebe in Gedanken? Nichts, denn das soll sie auch überhaupt nicht. Aber, dass sie alles sein kann, in Zeiten von iPad und iPhone, das zeigt uns Joachim Bessing in seinem neuen Roman “untitled”, der so heißt wie das letzte von Martin Margiela kreierte Parfum, das nach Buchsbaum und Weihrauch riecht und ein bisschen wie der Aschenbecher vom Vorabend. “Untitled”, “ohne Betreff” steht auch über den Nachrichten, die sich die Liebenden in diesem Roman zusenden. Die überwiegend digitale Liebe, die trotz der Entkörperlichung so stark körperlich ist, dass der Schmerz schier unerträglich wird, ist Bessings großes Thema.

Vor einem Bücherregal in einer Berliner Privatwohnung kommen sie sich näher. Der Ich-Erzähler und J., die Philosophin Julia. Ein Büchlein über den antiken Philosophen Plotin (”Plo-tiehn!”) ist der erste Gesprächsgegenstand der beiden und dann wird auf dem Klo geküsst. Nein, nicht geküsst. Zahncreme wird “küssenderweise” aus dem Gesicht entfernt. Und das ist die größte Kusserfahrung, die der Erzähler jemals gemacht hat. Seelenverwandte haben sich gefunden. Doch Julia ist verheiratet und das möchte sie auf keinen Fall ändern. Und so nimmt die Geschichte den Lauf, den solche Geschichten eben nehmen. Man kennt es ja, vom Werther natürlich und von vielen anderen.
Überlandflüge, Modeschauen, Drogen - das war die Welt des Modejournalisten bis zu diesem denkwürdigen Moment vor dem Berliner Bücherregal. Von da an ist seine Welt Julia. Alles andere rückt in den Hintergrund. Tausende Nachrichten, (”Im Zweifel für den Zweifel!” lautet die erste), Songs und Fotos werden verschickt. Der jeweils andere ist stets gegenwärtig. Und wenn sie sich dann wirklich sehen wird phänomenal geküsst. Aber meistens sehen sie sich nicht im Real Life. Die Liebe ist überwiegend virtuell und so intensiv, wie Liebe nur sein kann. Ist das dann überhaupt noch Liebe, fragt der Protagonist einmal seine Therapeutin, oder ist es schon Wahn? Auf alle Fälle ist es irre intensiv und es kostet fast das Leben, das nur noch Julia ist. Wie ist es, wenn man alles verliert und da nur noch Schmerz zu sein scheint, wenn nicht nur das iPhone, sondern auch noch das Gesicht zerbricht? Joachim Bessing lässt seinen digitalen Werther davon erzählen. Viel hat sich nicht geändert, am Leiden an der Liebe. Nur können wir mittlerweile ganz anders daran teilhaben. Joachim Bessing ist ein Roman gelungen, der unsere Zeit und das alles verschlingende Thema Liebe so präzise einfängt, dass es schlichtweg nicht möglich ist, sich der Geschichte zu entziehen. Unbedingt lesen!

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Joachim Bessing (Autor)
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www.kiwi-verlag.de
304 Seiten

Buch-Tipp: Der Komet

6. März 2013 sgruen Keine Kommentare

Was wäre wenn…?

(Sigrid Grün)

… der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand nach dem ersten (gescheiterten) Attentatsversuch in Sarajewo kehrt gemacht hätte und nicht der Erste Weltkrieg losgebrochen wäre? Auch nicht der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg? In dieser Geschichte ist Franz Ferdinand vernünftig: “Ich bin doch ned deppat, i fohr wieder z’haus!”, entscheidet er und das Habsburgerreich, Europa und der unbedeutende Rest der Welt haben das ganze herrliche 20. Jahrhundert vor sich… Was bedeutet das? Das gute alte Europa ist ein Kontinent voller Kultur, Juden und Psychoanalytiker, Deutschland ist führende Forschernation, der Mond preußische Kolonie, Wien ist das Zentrum der Welt - der Wiener Schmäh allgegenwärtig - und Amerika ein unbedeutender Kontinent, der von Hinterwäldlern und Cowboys beherrscht wird, die gerne mal ein dubioses Getränk namens Loka Koka (oder so ähnlich) konsumieren. Anglizismen? Fehlanzeige! Ein langhaariger Finne aus Karelien erfindet ein “tragbares, von einer Batterie betriebenes Telefon” und nennt es matkapuhelin - ein ins Deutsche schier nicht übersetzbares Wort.

Und zwei Menschen träumen ein Jahrhundert, das ganz anders verläuft als es in der Realität dieser Geschichte der Fall ist. Biehlolawek und D. in Grusinien sehen Nacht für Nacht im Traum Tod und Vernichtung, Kriege und Deportierte. Sie sehen Unfassbares, das ihren Psychoanalytikern kalte Schauer über den Rücken jagt. ‘Wie kann man nur von solch grotesken Alpträumen heimgesucht werden?’, fragt man sich in Wien und in Georgien. Dabei sind die beiden Analysanden völlig unbedeutende Personen. Biehlolawek soll zwar einen geisteskranken Großvater namens Hüttler gehabt haben, der sich als Porträtpostkartenmaler verdingte, der georgische D. soll mit einem ehemals kriminellen Poeten verwandt sein. Aber wirklich aufschlussreich ist das ja nicht…

Und dann droht Ende des 20. Jahrhunderts plötzlich das Unheil über diese ganze wunderbare Welt hereinzubrechen. Der Wiener Hofastronom Dudu Gottlieb wird in die preußische Kolonie auf dem Mond beordert und dort erfährt er, dass ein Komet erwartet wird. Währenddessen vergnügt sich seine Ehefrau Barbara mit dem unscheinbaren Jüngling Alexej von Repin. Als der Kaiser den Untergang der Welt proklamiert, versinken manche in der Depression und andere werden von einem seltsamen Endzeitaktionismus heimgesucht…

Hannes Stein ist mit diesem klugen und amüsanten Buch ein wunderbares Gedankenexperiment gelungen, dessen Lektüre einfach ein großer Spaß mit vielen Aha-Erlebnissen ist. Es gelingt ihm, den Charme der Donaumonarchie so fabelhaft ins anbrechende 21. Jahrhundert herüberzuretten, dass es eine wahre Freude ist, sich in die von ihm beschriebene Zeit hineinzuversetzen. Die vielen kleinen Anspielungen lassen den Leser nicht selten laut auflachen und über das grausame 20. Jahrhundert nachdenken, das so ganz anders hätte laufen können. Ein Leseerlebnis, das man sich nicht entgehen lassen sollte!

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Hannes Stein (Autor)
Der Komet
www.galiani.de
272 Seiten

Buch-Tipp: Alice Bhattis Himmelfahrt von Mohammed Hanif

15. Juli 2012 sgruen Keine Kommentare

Unsere Liebe Frau von Karachi

(Sigrid Grün)

Nach Mohammed Hanifs großartigem Erstling Eine Kiste explodierender Mangos legt der Autor nun mit “Alice Bhattis Himmelfahrt” erneut ein brillantes Werk vor, das das heutige Pakistan lebendig werden lässt.

Alice Bhatti ist Hilfsschwester und Heilige, Christin und Kriminelle - zumindest, wenn man dem Gericht glaubt, das sie nach einem schweren ärztlichen Kunstfehler, den man der jungen Schwester in die Schuhe geschoben hat, zu einem Aufenthalt in der Besserungsanstalt verurteilt. Nach ihrer Entlassung kehrt sie zunächst nach French Colony, das Christenghetto von Karachi, zurück. Ihr Vater, der Kanalarbeiter Joseph Bhatti soll besondere Fähigkeiten haben: Angeblich kann er Magengeschwüre durch Gebete heilen. Ein junger Schreiber, den Alice aus der Besserungsanstalt kennt, hilft ihr dabei in dem völlig überfüllten “Herz Jesu”-Krankenhaus unterzukommen. Während sich der 17-Jährige um seine sieche Mutter im Endstadium ihrer Krebserkrankung kümmert, packt Alice an, wo sie kann. Die zunächst schroff und abweisend wirkende Oberschwester Hina Alvi unterstützt sie bald im harten Klinikalltag. Rettung erfährt sie auch durch Teddy, einen muskelbepackten Muslim, der für eine mehr als zweifelhafte Sondereinheit der Polizei als Handlanger arbeitet. Teddy verliebt sich schlagartig in Alice, trägt sie auf Händen aus dem Chaos der Irrenabteilung des “Herz Jesu” und hält um ihre Hand an. Erstaunlicherweise lässt sich Alice darauf ein und ehelicht Teddy auf einem U-Boot. Doch die Beziehung entpuppt sich bald als Ehehölle. Die religiösen und charakterlichen Gegensätze scheinen unüberwindlich und schließlich mündet das Ganze in einer Katastrophe, die eine christliche Umdeutung durch Joseph Bahatti erfährt.

Dem pakistanischen Autor Mohammed Hanif, der für seinen Erstling mehrere Preise erhielt, schafft es in diesem Buch erneut lebendige Figuren zu kreieren, die dem Leser die Gesellschaft und Kultur Pakistans nahe bringen. Eingebettet in eine bewegende Handlung wird eine Geschichte erzählt, die auf die soziale Situation und die mangelnden Frauenrechte in Pakistan und anderen muslimischen Ländern aufmerksam macht. Ein Buch, das sowohl sprachlich-stilistisch als auch inhaltlich brillant ist. Unbedingt lesen!

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Mohammed Hanif (Autor)
Alice Bhattis Himmelfahrt
www.a1-verlag.de
272 Seiten

Buchtipp: Tatar mit Veilchen von Jaromir Konecny

29. Januar 2012 sgruen Keine Kommentare

Schwejk reloaded

(Sigrid Grün)

In manche Männer muss man sich unweigerlich verlieben. Jozef – mit Kosenamen Pepa genannt - ist so ein Mann. Er ist der lächelnde Held von Jaromir Konecnys jüngstem Roman, der den schönen Titel „Tatar mit Veilchen“ trägt.
Pepa ist dreißig, passionierter Alltagsphilosoph und lebt seit seiner Kindheit mit seiner Oma im schönen Hultschiner Ländchen. Eigentlich ist er Tscheche, aber weil er einen Großvater hat, der nicht nur Deutscher war, sondern auch noch Angehöriger der SS, halten ihn seine tschechischen Kneipenkumpels eher für einen Deutschen. Sein Leibgericht ist Tatar mit Topinky und dazu trinkt er natürlich am liebsten Bier. Seine Freundin Hanka träumt davon in dem verschlafenen nordmährischen Städtchen eine Boutique zu eröffnen und drägt Pepa deshalb dazu, nach Deutschland zu fahren und sich eine satte Entschädigung zu holen, die sie sich von dem toten SS-Opa verspricht. Auch Pepas Großmutter sähe es gerne, wenn ihr Enkel sich in das Heimatland ihres verstorbenen Mannes begeben würde. Zunächst zögert er, doch schließlich lässt er sich doch auf die Deutschlandreise ein. Er bekommt von der stolzen Großmutter 300 Euro und den SS-Ausweis des Großvaters in die Hand gedrückt und fährt mit dem Bus nach München. Dort erlebt er natürlich einen Kulturschock und lernt eine Menge dazu. In Deutschland befinden sich Klo und Bad in einem Raum, Kartoffelpuffer werden mit Apfelmus gegessen und nicht mit Knoblauch oder “Wurscht”, es gibt bettelnde Taoisten und Pimmelkatholiken, ausbeuterische Wirtinnen und Paula, eine Malerin, deren Haar nach Veilchen duftet und bei der Pepa schließlich als Au-pair-Mädchen unterkommt. Natürlich sorgt der ewig lächelnde Tscheche, dem der Schelm im Nacken sitzt, für eine Menge Veränderungen.

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich so oft laut lachen musste, wie hier. Jaromir Konecny, der bekannte und mehrfach preisgekrönte Autor aus der Bühnenliteraturszene, hat mit „Tatar mit Veilchen“ nicht nur eine äußerst komische Culture Clash Comedy geschrieben, sondern auch eine poetische und „schöntraurige“ Geschichte, die einen zum Nachdenken über das Leben in Deutschland und in unserem Nachbarland anregt. Den Schelm Pepa und seine Bier trinkenden Kumpels, die sich so ihre Gedanken zu allen möglichen Dingen machen, muss man einfach lieben. Der Humor ist derb, befreiend und nicht selten zutiefst weise – eine wunderbare Alternative zum platten Comedian-Gedussel, das man in Deutschland als „Humor“ vorgesetzt bekommt.
Zusätzlich zum Buch erhält man hier eine Cd, auf der Jaromir Konecny mit seinem zauberhaften tschechischen Akzent einige Kapitel aus dem Buch in gekürzter Fassung vorliest.
Unbedingt lesen und anhören!

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Jaromir Konecny (Autor)
Tatar mit Veilchen
www.voland-quist.de
192 Seiten und 42 Minuten auf Cd

Buchtipp: Das Mädchen von Angelika Klüssendorf

1. Januar 2012 sgruen Keine Kommentare

Radikal und bewegend

(Sigrid Grün)

Wenige Bücher haben mich im vergangenen Jahr so berührt wie dieses. Der Erzählton ist distanziert und wirkt eher sachlich und trotzdem oder gerade deshalb geht einem die Geschichte der Protagonistin ungeheuer nahe. Das 12-jährige Mädchen, dessen Name kein einziges Mal genannt wird, lebt gemeinsam mit dem jüngeren Bruder Alex und der völlig unberechenbaren Mutter in einer Plattenbauwohnung in der DDR. Der Vater ist alkoholkrank und kommt nur selten vorbei. Mal bleibt er eine Zeit lang, mal nimmt er seine Tochter sogar mit und sie lebt dann gemeinsam mit ihm und seiner neuen Lebensgefährtin an der Ostsee, wo der Vater während der Sommersaison arbeitet. Das Leben ist geprägt von Vernachlässigung und Schlägen, Willkür und Bosheiten der Mutter, die ihre Kinder zum Beispiel mal auf eine Chillischote beißen lässt, um sich an ihren Schmerzensschreien zu ergötzen. Die Jugendliche stumpft immer mehr ab, denn anders ist dieses Leben nicht zu ertragen. Dabei wäre sie so klug und auch in der Schule werden ihr zunächst außerordentliche geistige Fähigkeiten bescheinigt. Doch ihre Umwelt - vor allem die gewalttätige und launische Mutter, die ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe kriegt - erstickt alle Neugierde auf die Welt im Keim. Bald findet auch das Mädchen Gefallen daran, den eigenen Bruder leiden zu sehen, sie fängt an zu klauen und ihr Lieblingsspiel ist es, blitzschnell vor einem herannahenden Auto über die Straße zu rennen und es gerade noch so zu schaffen nicht überfahren zu werden.
Als Leser erlebt man den zunehmenden Rückzug und Verfall der Jugendlichen. Sie lebt zunächst bei der Mutter, zwischenzeitlich beim Vater, schließlich wird sie wieder von der Mutter aufgenommen, die einen kleinen Jungen zur Welt bringt, der in der Protagonistin wieder einen Funken Hoffnung entzündet. Doch zu diesem Zeitpunkt ist es schon zu spät, denn in den Köpfen der Menschen existiert bereits ein bestimmtes Bild von ihr. In der Schule gilt sie mittlerweile als hoffnungsloser Fall und sie wird immer öfter bei Diebstählen erwischt. Unterstützung findet sie von keiner Seite. Als sie schließlich ins Heim kommt, scheint dies tatsächlich ein Ort zu sein, an dem die Atmosphäre viel menschlicher und wärmer ist als zuhause bei der Mutter. Doch auch hier findet das Mädchen natürlich kein Zuhause.
Der Leser begleitet das Mädchen bis zum Eintritt in die Welt der Erwachsenen. Sie macht eine Ausbildung, die ihr allerdings auch nichts bedeutet. Und so entfaltet sich vor unseren Augen das erschütternde Bild eines von Grund auf zerstörten Menschenlebens, das wohl nur noch schwer in andere Bahnen zu lenken ist.
Die kühle und schnörkellose Sprache macht aus dem Buch etwas besonderes, denn es scheint dem Leser die Möglichkeit der Identifikation zu verweigern - und gerade dieser Umstand macht betroffen. Hier wird klar: Es ist das namenlose Mädchen das leidet, aber bitte kein Mitleid, im Wegschauen seid ihr doch wahnsinnig gut!
Unbedingt lesen.

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Angelika Klüssendorf (Autorin)
Das Mädchen
www.kiwi-verlag.de
192 Seiten, gebunden

Buchtipp: Nirgendwo in Berlin von Beate Teresa Hanika

14. September 2011 sgruen Keine Kommentare

Greta in der großen Stadt

(Sigrid Grün)

Beate Teresa Hanika, die in Regensburg geborene und vielfach preisgekrönte Schriftstellerin, legt mit Nirgendwo in Berlin ihr drittes Buch vor und beweist eindrucksvoll, dass sie auch das Genre Spannung beherrscht.

Greta ist mit ihrer Mutter und ihrem tauben Albinoboxer aus der bayerischen Provinz nach Berlin gezogen. Die ganzen Sommerferien liegen vor ihr und sie ist allein in der großen Stadt. Ihre Mutter, die sich nach langjähriger Ehe von Gretas Vater getrennt hat, arbeitet jetzt als Zeitungsredakteurin und hat keine Zeit für ihre 15-jährige Tochter. Und so sitzt das Mädchen allein in der Mietwohnung, ohne Anschluss zu finden. Wie denn auch, wenn das Haus scheinbar nur von Verrückten bewohnt wird. Da gibt es die 13-jährige Cindy mit der Zahnspange, die den ganzen Tag in einem Internetchat verbringt oder den fernsehsüchtigen Hausmeister, der Hunde über alles hasst und natürlich den schwererziehbaren Konrad samt Betreuer Mikesch, die über Greta und ihrer Mutter wohnen. Greta kann und will nicht in Berlin ankommen. Sie vermisst ihre Freunde, allen voran ihre beste Freundin Frede und Felix, in den Greta und Frede beide verliebt sind.
In ihrer Einsamkeit meldet sich Greta beim gleichen Chat an wie Cindy und taucht damit in eine andere Welt ein. Hier lernt sie Gestrandete, Perverse und vor allem Einsame kennen. Mit einer Person freundet sie sich sogar richtig an. Pampolina teilt Gretas Schicksal. Die Eltern leben getrennt, das Mädchen vereinsamt, weil die Mutter sich den ganzen Tag mit Prosecco betäubt. Jeden Tag chatten Greta und Pampolina und erzählen sich von ihrem Kummer. Doch eines Tages ist Pampolina verschwunden. Sie erscheint nicht mehr im Chat und Greta wird immer unruhiger. Als ihre Mutter ihr auch noch von einem Mädchen erzählt, das tatsächlich in Berlin verschwunden ist, weiß sie: Das verschwundene Mädchen ist Pampolina. Und sie macht sich auf die Suche nach der Unbekannten.

Beate Teresa Hanika schreibt atmosphärisch dicht. Man spürt die Hitze, die in den Straßen von Berlin hängt. Man spürt die Spannungen zwischen den Figuren und die Einsamkeit und Anonymität der einzelnen Figuren. Die Stadt ist voller Menschen, doch alle sind allein. Kein Wunder, dass sich Greta nach jemandem sehnt, der sie festhält und umarmt. Und wenn an dieser Person auch noch vertraute Gerüche - nach Birnen und nach frisch geschnittenem Gras - haften, wird die Sehnsucht fast grenzenlos.
Die Autorin erzählt in “Nirgendwo in Berlin” wieder eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Greta lernt in diesem Sommer eine Menge über Freundschaft und sie lernt die Liebe kennen - oder zumindest richtiges Verliebtsein. Mit Haut und Haar, Kopf und Körper. All diese überwältigenden emotionalen Erfahrungen kann Beate Teresa Hanika so wunderbar in Worte fassen, dass man fast meint es selbst zu erleben.
Und dann ist das Buch noch ein Porträt unserer Zeit, in der sich junge Menschen  nach anderen Menschen sehnen - und sich selbst vielleicht auch nach einer anderen Identität - was das Internet ja tatsächlich ermöglicht. Auf diese Weise entsteht eine Welt, in der alles möglich ist, aber aber auch Lüge. Greta beschuldigt die jüngere Cindy dafür andere Menschen im Chat hinsichtlich ihrer Identität zu belügen. Aber was kann ein 13-jähriges Mädchen dafür, das unendlich traurig ist, weil es eben nicht das Leben hat, das es sich wünscht? Auch dies lernt Greta, die im Laufe des Romans immer mehr ankommt in der großen Stadt Berlin.

Fazit: Beate Teresa Hanika hat wieder eine Geschichte geschrieben, die den Leser berührt und fesselt. Ihre Charaktere überzeugen durch Authentizität und ihr Stil ist klar und voller faszinierender Bilder. Damit gehört sie zu den wenigen Jugendbuchautoren, deren Geschichten einem im Gedächtnis bleiben. Sehr zu empfehlen!

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Beate Teresa Hanika (Autorin)
Nirgendwo in Berlin
www.fischerverlage.de
272 Seiten